23.10.2002
Rede anlässlich der Ehrung von Mitgliedern der ötv Mittelweser
Verden am 23. Oktober 1999
Es gilt das gesprochene Wort.
Liebe Kolleginnen und Kollegen,
vor allem: Liebe Jubilarinnen und Jubilare!
Ich habe mich sehr über die Einladung zu dieser Veranstaltung gefreut, gerade auch als jemand, der selbst Mitglied der ÖTV ist. Ich möchte einleitend ganz herzlich denen gratulieren, die unserer Gewerkschaft so lange die Treue gehalten haben, daß sie hier geehrt worden sind.
Ich freue mich, als Bundestagsabgeordneter in einer Zeit hier zu Euch zu sprechen, die auf Bundesebene bisweilen von einem Mangel an gegenseitigem Kontakt geprägt zu sein scheint.
Das Gespräch miteinander, das Aufrechterhalten und die Pflege der Verbindungen zu den Gewerkschaften ist mir als Sozialdemokrat ein großes Anliegen.
Das heißt nicht, daß Politik jedem Anliegen der Gewerkschaften nachkommen kann oder nachkommen sollte. Es gibt und wird immer wieder strittige Entscheidungen geben, die aus Gesamtverantwortung heraus anders aussehen, als sich das einzelne gesellschaftliche Gruppen in unserem Land wünschen.
Aber, und das hat etwas mit gemeinsamen Traditionen zu tun, die Übereinstimmung in der Beurteilung vieler gesellschaftspolitischer Fragen ist zwischen den Gewerkschaften und der Sozialdemokratie so groß wie bei keiner anderen Partei.
Das ist gut so, und das soll auch so bleiben. Zugleich sind wir alle aufgefordert, uns Gedanken darüber zu machen, wie wir angesichts veränderter Rahmenbedingungen unsere gemeinsamen Grundsätze auch in Zukunft verwirklichen können.
Willy Brandt hat einmal völlig zurecht gesagt: "Nur wer verändert, was der Veränderung bedarf, wird das Bewahrenswerte bewahren können."
Das Thema meines Referates hat etwas mit diesem Satz von Willy Brandt zu tun: Eigenverantwortung und Solidarität - ist das ein Gegensatz, oder ist das eine Ergänzung?
Es gibt einen Grundsatz aus der Arbeitertradition, der auch immer ein Grundsatz der deutschen Gewerkschaftsbewegung gewesen ist: Solidarität.
Durch Solidarität konnten Interessen gegenüber Verhandlungspartnern besser durchgesetzt werden. Sie war die Grundlage für gemeinsames Handeln. Jeder einzelne hat sich mit der Sache aller identifiziert.
Was heißt Solidarität eigentlich?
Häufig wird der Begriff so definiert, daß er gesellschaftlichen Zusammenhalt, Gemeinschaftsgeist, Verbundenheit ausdrückt. Solidarisch handelt also, wer um das Gemeinwohl bemüht ist, wer sich dafür einsetzt, daß nicht Einzelinteressen, sondern gemeinsame Interessen im Vordergrund stehen.
Wenn gegenwärtig viel über Solidarität diskutiert wird, dann meines Erachtens insbesondere deshalb, weil es immer einfacher gewesen ist, Solidarität zu praktizieren, wenn auf der Hand lag, daß das Einzel- und das Gesamtinteresse für alle Beteiligten offensichtlich identisch waren und wenn galt: Solidarität darf möglichst nichts kosten.
Wenn die Bundesregierung beispielsweise den Vorschlag macht, in der kommenden Zeit die Entwicklung bei den Beamtengehältern und den Pensionen an der Preissteigerung auszurichten, dann ist auch das die Formulierung der Erwartung eines solidarischen Verhaltens: Nämlich im Interesse der Gesundung der Staatsfinanzen und im Interesse kommender Generationen unter Zurückstellung des persönlichen Interesses an realen Einkommenszuwächsen Verzicht zu üben.
Gelingt uns die gewaltige - und ich betone: gemeinsame - Kraftanstrengung, die es kosten wird, den Marsch in den Schuldenstaat zu stoppen? Sind wir eine Gesellschaft, in der die Bereitschaft vorhanden ist, im Sinne von John F. Kennedys Aussage zu handeln, wonach man zunächst nicht nach der Leistung des Staates - man könnte auch sagen der Gesellschaft - fragt, sondern danach, was man selber für diese Gesellschaft leisten kann?
Das ist die Frage nach der Verantwortung jedes Einzelnen für das Gelingen des Gesamten.
Die andere Frage ist, wie es um die Verantwortung des Einzelnen für sich selbst bestellt ist.
Sind Solidarität und Eigenverantwortung Gegensätze oder ergänzen sie sich gegenseitig?
Bei der Beantwortung darf man den zeitlichen Zusammenhang nicht aus den Augen verlieren, und ich will das anhand der Geschichte der ÖTV verdeutlichen.
Neu gegründet wurde die ÖTV nach dem Zweiten Weltkrieg, 1949, aber die Tätigkeit der Vorläuferorganisationen reicht von heute aus gesehen mehr als 100 Jahre zurück.
1896 machte der "Verband der Arbeiter in Gasanstalten, auf Holz- und Kohleplätzen und sonstiger Arbeitsleute", wie er hieß, den Anfang. Dieser Verband wurde später zum "Verband der Gemeinde- und Staatsarbeiter".
1897 gründete sich der Zentralverband der Handels-, Transport- und Verkehrsarbeiter Deutschlands", dessen Nachfolgeorganisationen der "Deutsche Transportarbeiter-Verband" und der "Deutsche Verkehrsbund" wurden.
Vor fast 100 Jahren, 1900, konnte der Transportarbeiterverband die ersten Tarifverträge aushandeln.
Vieles gab es damals noch nicht: Die Verkürzung unmenschlich langer Arbeitszeiten und die Einführung von Mitbestimmungsrechten mussten im Laufe der Zeit solidarisch erkämpft werden.
Soziale Rechte, Schutzrechte mussten erst geschaffen werden.
Gerhard Schröder hat nicht ohne Grund anlässlich des 50. Geburtstages folgende Worte an den DGB gerichtet:
"Die politische, wirtschaftliche und soziale Stabilität, auf die wir in Deutschland mit Recht stolz sein können, ist nicht zuletzt ein Verdienst des DGB und seiner Einzelgewerkschaften."
Die ÖTV Mittelweser hat 6500 Mitglieder.
Als viele von Euch ihr beigetreten seid, war schon einiges erreicht, wenn man die Situation mit den eben noch geschilderten Anfängen vergleicht.
Trotzdem war zum Zeitpunkt Eures Beitritts der Lebensstil in Deutschland ein ganz anderer als heute.
Für die meisten Menschen ist heute Eigenverantwortung ein Schlüsselbegriff, ohne daß Werte wie Zusammenhalt unwichtig geworden wären. Aber individuelle Freiheit wurde durch den Wertewandel der letzten Jahrzehnte zur gewachsenen Größe.
Nun hört man sehr oft, das sei alles nicht so gut und eher mit negativen als mit positiven Auswirkungen verbunden.
Nun neigen viele Menschen in diesem Land sehr schnell zum Pessimismus und zu sehr einseitigen Bewertungen. Das führt ja unter anderem dazu, daß es ein durchgängiges Motto zu geben scheint, das man mit den Worten umfassen könnte: "Jammern auf hohem Niveau."
Ich glaube, der angesprochene Wertewandel ist differenzierter zu sehen. Die Wirklichkeit ist komplexer, als wir sie bisweilen diskutieren, und den nur noch auf das Eigeninteresse schauende Yuppie mag es gewiß geben, aber er ist wohl eher nicht repräsentativ - weder für seine Generation noch für die Gesamtauswirkungen, die eine gestiegene Bedeutung von Individualität hat.
War früher beispielsweise der Vater in der Familie die Autoritätsperson, steht heute stärker ein Miteinander der einzelnen Familienmitglieder und der Respekt vor dem einzelnen Familienmitglied im Vordergrund. Kinder sind nicht mehr Anhängsel, über die beliebig verfügt werden kann, sondern sie werden in der Regel als Personen - wenn auch selbstverständlich als Personen in Entwicklung - wahrgenommen.
Wesentlich verändert hat sich auch das Frauenbild in der Gesellschaft. Frauen definieren sich heute in der Regel nicht mehr ausschließlich über Kindererziehung und die Fürsorge für den Lebenspartner. Sie fordern persönliche Freiräume ein, die für Männer schon lange selbstverständlich gewesen sind.
Auch im Berufsleben zeigen sich Auswirkungen:
Unternehmen fordern von ihren Beschäftigten mehr Eigenverantwortung. Während früher die Dauer der Firmenzugehörigkeit Garant für einen sicheren Arbeitsplatz war, wird heute die Bereitschaft immer wichtiger, sich weiterzubilden, sich auf neue Formen der Arbeit und Zusammenarbeit einzulassen. Berufseinsteiger haben in der Regel nicht 40 Jahre Routine vor sich.
Das hat seine positiven Seiten, aber auch manche problematische Konsequenz. Wenn vom Arbeitnehmer beispielsweise erwartet wird, dass er das Privatleben bereitwillig hinten anstellt, hat das Auswirkungen auf das Leben in der Familie.
Arbeit, das bedeutet - und diese Entwicklung ist absehbar - zunehmend ständigen Wechsel. Das kann Herausforderungen bedeuten, die die Kreativität des Einzelnen beflügeln und zu mehr Partizipation führen, etwa auch zu einer Verringerung von Hierarchien, dem Aufbrechen starrer autoritärer Strukturen.
Wer dem jedoch nicht gewachsen ist, läuft Gefahr, dem Beschäftigten-Profil nicht zu genügen und seinen Arbeitsplatz zu verlieren. Arbeitslosigkeit wiederum geht einher mit dem Verlust von Perspektiven für die eigene Zukunft. Ende Juli 1999 zählten die Arbeitsämter in Deutschland 4.027.200 Arbeitslose.
Ich bin sehr froh darüber, daß die Prognosen der Institute für das kommende Jahr einen deutlichen Rückgang auf 3,7 Millionen arbeitslose Menschen vorhersagen. Auch das wäre eine noch viel zu hohe Zahl, aber 400.000 Menschen weniger ohne Beschäftigung, das wäre ein guter Schritt nach vorne.
Liebe Kolleginnen und Kollegen, das Ausmaß der Veränderungen im Laufe der Zeit ist groß. Wenn sich aber alles verändert, muss sich auch der Staat darauf einstellen.
Der Staat muss dafür sorgen, dass Standards wie Verteilungsgerechtigkeit und Chancengleichheit durchsetzbar bleiben.
Es gibt Wissenschaftler, die die Auffassung vertreten, dass man im Zeitalter der Globalisierung und der zunehmend geringer werdenden nationalstaatlichen Einflußchancen zwei, aber nicht alle drei "guten" Dinge haben kann:
- Man könne Wohlstand und Solidarität im Versorgungsstaat, aber keine wirkliche individuelle Freiheit beziehungsweise Eigenverantwortung haben.
- Wohlstand und Eigenverantwortung könnten Hand in Hand gehen, aber auf Kosten der Solidarität.
- Und die dritte Möglichkeit sei Solidarität und Eigenverantwortung, aber nur bei stagnierendem oder gar schrumpfenden Wohlstand.
Das entspricht in der Realität heute schon den Erfahrungen vieler Menschen auf der ganzen Welt.
So aber können und dürfen die Alternativen in unserem Land nicht aussehen, Kolleginnen und Kolegen.
Lasst uns das in Deutschland gemeinsam verhindern!
Diese drei Modelle machen die Frage nur noch wichtiger, was getan werden kann, um alle drei Ziele - Freiheit, Solidarität und Wohlstand - gleichzeitig zu erreichen, so schwierig das aus heutiger Sicht auch erscheinen mag.
Aber, liebe Kolleginnen und Kollegen, der Blick in die Vergangenheit hat gezeigt, dass es immer schon Probleme gegeben hat, die auch gelöst werden konnten.
Die Frage ist nur, ob an die neuen Probleme mit althergebrachten Instrumenten herangetreten werden kann.
Kann beispielsweise das alte Modell "Wohlfahrtsstaat" einfach weiter betrieben werden wie bisher?
Angesichts von 1,5 Billionen Mark Staatsverschuldung und der Tatsache, daß wir 22% aller Steuereinnahmen nur dafür ausgeben müssen, laufende Schuldzinsen zu bezahlen - also nicht etwa zur Tilgung von Schulden. Wir geben in diesem Jahr allein 82 Milliarden Mark für Schuldzinsen aus. Das ist Geld, das an anderer Stelle bitter fehlt. Und wenn wir so weiter machen, fehlt uns in den kommenden Jahren immer mehr Geld, das wir anderswo - etwa für den Bereich der Familienförderung brauchen. Einen armen Staat aber können sich nur Reiche leisten.
In einem Gespräch mit Gewerkschaftern aus meinem Wahlkreis machte ein Vertreter, als ich diese Zahlen nannte, allen Ernstes den Vorschlag, man könne ja die Banken verstaatlichen.
Kolleginnen und Kollegen,
wir müssen auf die aktuellen Fragen unserer Zeit "moderne" Antworten geben! Es würde ja wohl niemand auf die Idee kommen, mit dem Hammer einen Computer zu reparieren.
Bei der Entwicklung moderner Antworten auf aktuelle Fragen sollten und dürfen wir unsere Traditionen und Erfahrungen nicht vergessen, sondern können und sollten sie als Grundlage nutzen.
Eine dieser wichtigen Traditionen ist die Solidarität.
Die Solidarität ist ein zeitloser Wert, den sowohl die Sozialdemokraten als auch die Gewerkschaften nie preisgeben werden.
Modernisierung muss also nicht gleichbedeutend sein mit Entsolidarisierung. Wir machen vielmehr die Solidarität als Wert für die heutigen Herausforderungen lebendig.
Als "moderne" Antworten werden heute vielfach entweder der Ruf nach mehr Staat oder der Ruf nach Deregulierung genannt.
Soll der Staat uns vor allen Gefahren schützen und versorgen?
Oder soll er, wie es eigentlich unserem Verständnis einer demokratischen Gesellschaft entspricht, die aktive Teilhabe des einzelnen Bürgers gewährleisten und den Ausbau der Teilhabe anstreben?
Hier stellt sich wieder die Frage nach Solidarität oder Eigenverantwortung.
Ich glaube, dass wir eine neue Solidarität mit Eigenverantwortung kombinieren können.
Solidarität konkretisiert sich nämlich nicht mehr im herrschaftlichen Gefälle von Geben und Nehmen, sondern besteht heute als Solidaritätspartnerschaft.
Die neue Solidarität fordert also sogar die Eigenverantwortung der Bürgerinnen und Bürger.
Der moderne Staat verzichtet nicht auf die sozialen, gemeinschaftsbezogenen Aktivitäten der Menschen.
Er zwängt seinen Bürgern, Unternehmern und Verbänden ein solches Verhalten aber auch nicht durch Regulierungen auf. Er regt vielmehr gesellschaftliches Engagement an! Er bietet ein Sprungbrett in die Eigenverantwortung und hilft dort, wo Eigenverantwortung nicht oder noch nicht möglich ist.
Ich will das an einem konkreten Beispiel festmachen. Die Bundesregierung hat ein sehr erfolgreiches Sofortprogramm zur Bekämpfung der Jugendarbeitslosigkeit ins Leben gerufen, das übrigens bei allen Sparanstrengungen fortgeführt wird, weil wir zugleich einen Konsolidierungskurs und einen Kurs des Setzens politischer Schwerpunkte wollen. Die Arbeitslosenquote bei jungen Menschen unter 25 Jahren ist um mehr als 10 Prozent zurückgegangen. Grundlage für das Programm ist die Überlegung, daß es schlichtweg ein Skandal ist, wenn wir in diesem Land jungen Leuten keine Chance zum Antritt einer Ausbildung bzw. zum Einstieg ins Erwerbsleben geben. Auch, weil jeder wissen muß, daß es für die Betroffenen in Zukunft umso schwieriger wird, Fuß zu fassen, wenn sie erst jahrelang auf der Straße gestanden haben.
Wir sagen deshalb: Im Grundsatz muß jeder Jugendliche ein Angebot zur Ausbildung oder Beschäftigung erhalten. Umgekehrt aber erwarten wir, daß ein solches Angebot auch angenommen wird. Wer als junger Mensch Sozialhilfe bezieht, sich aber einem Ausbildungs- oder Arbeitsangebot verweigert, dem muß man die Transferleistungen kürzen, um deutlich zu machen: Solidarität ist keine Einbahnstraße, sie beruht auf Gegenseitigkeit. Du bist nicht allein, aber wir erwarten von Dir soviel Eigenverantwortung, daß Du Dich nicht zu Lasten der Allgemeinheit dem entziehst, was Dir zuzumuten ist.
Kolleginnen und Kollegen,
die sozialdemokratisch geführte Bundesregierung hat die Stärkung gesellschaftlichen Engagements und vor allem des Ehrenamtes ganz oben auf die politische Tagesordnung dieser Wahlperiode gesetzt.
Der Ruf nach mehr Staat, also das Aufzwängen von sozialem Verhalten, würde zu einer Zunahme an Verwaltung und Bürokratismus führen. Nicht nur, daß der Einzelne in seinem Gestaltungsspielraum eingeschränkt würde, vor allem wäre ein solches System nicht finanzierbar.
Gerade der solidarische Staat muss aber Zielgenauigkeit und wirtschaftliche Effizienz der einzelnen Sozialmaßnahmen erreichen. Leere Kassen und die Not der wirklich Bedürftigen verbieten Verschwendung und Fehlversorgung.
Der solidarische Staat darf sich daher auch nicht überfordern und ausnutzen lassen.
Die Menschen verlangen zu Recht nach hochwertigen Dienstleistungen und Solidarität für alle, die Hilfe brauchen, aber auch nach Fairness gegenüber denen, die das bezahlen. Es gilt, was Ludwig Erhard einmal sehr treffend so formuliert hat: "Der Staat kann seinen Bürgern nur das geben, was er ihnen vorher abgenommen hat."
Der Staat muss deshalb Eigenverantwortung belohnen, wo es sie gibt. Wir können Menschen nicht helfen, indem wir sie abhalten, sich selbst zu helfen.
Es geht also nicht um den Abbau von Solidarität, sondern um den Aufbau von Eigenverantwortung!
Eigenverantwortung fördert Aktivität und Kreativität. Sie setzt die Kräfte in unserer Gesellschaft frei und schafft die besten Voraussetzungen für Wohlstand und Solidarität gleichermaßen.
Je leistungsfähiger, je innovativer eine Volkswirtschaft und ihre Bürger sind, desto größer sind die Möglichkeiten zum Beispiel für neue Arbeitsplätze. Unser Sozialstaat wäre ohne die unentgeltliche Hilfe und das persönliche Engagement der Menschen in den Bereichen der Kindererziehung, Pflege von Alten und Kranken schon längst zusammengebrochen.
Solidarität, das gibt es millionenfach innerhalb von Privathaushalten, und sie äußert sich nicht selten darin, füreinander einzustehen und dazusein und die Unterstützung des Staates ergänzend, nicht ersetzend, in Anspruch zu nehmen.
Der Ruf nach Deregulierung ist nicht unrichtig, wenn er die moderne partnerschaftliche Solidarität vor Augen hat. Das Bundesrecht hat immerhin über 2000 Gesetze und 3000 Verordnungen mit rund 85.000 Einzelvorschriften. Da haben selbst Juristen keinen Überblick mehr. Eine solche Normenflut kann den Staat auch lähmen.
Der moderne Staat muss auch in den Verwaltungsabläufen durchschaubarer werden.
Auch Ihr, liebe Kolleginnen und Kollegen, setzt Euch für die Reform des öffentlichen Sektors und die Sicherung des Sozialstaates ein. Auch Euer Ziel ist ein leistungsfähiger und effizienter Staat, der bürgernah und bürgerfreundlich ist.
In vielen Bereichen, vor allem in der Kommunalverwaltung, werden moderne Organisations-, Management- und Personalführungskonzepte zwar zu mehr Bürgernähe und Servicebewusstsein und damit zu effizienterer Arbeit beitragen.
Aber der "Bürger" darf nicht ausschließlich auf den "Kunden" und die "öffentliche Verwaltung" nicht allein auf das Dienstleistungsunternehmen Staat reduziert werden:
Unser Gemeinwesen ist mehr als ein Kaufvertrag. Staat und öffentliche Verwaltung sind mehr als ein Supermarkt öffentlicher Waren, das Verhältnis Bürger-Staat ist mehr als eine Käufer-Verkäufer-Beziehung.
Der Staat wird in der Praxis durch die Beschäftigten verkörpert, die nur dann Bürgernähe und -freundlichkeit beweisen können, wenn man auch sie richtig behandelt.
Ein moderner Staat muss mit seinen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern anders, mit Respekt, umgehen.
Deshalb bin ich davon überzeugt: Das öffentliche Dienstrecht ist überholt. Die alten Grundsätze des Berufsbeamtentums - getragen vom Prinzip der Über- und Unterordnung- ersticken jegliche Form von Teilhabe durch Kreativität, Engagement und Verantwortungsbereitschaft im Keim.
Sie sollten durch neue Regelungen ersetzt werden.
Leistungsorientierte Beförderung, transparente Einstellungs- und Beförderungsverfahren, Teamarbeit und stärker eigenverantwortliches Arbeiten dienen der Motivation und würdigen persönlichen Einsatz.
Um allen Beschäftigten zu ermöglichen, mit Spaß und Erfolg bei der Sache zu sein, sind auch flexiblere Arbeitszeitmodelle einzuräumen.
Denn Arbeit nach der Stechuhr kann ansonsten Frust hervorrufen - und ist im übrigen nicht immer den heutigen Erfordernissen angepasst!
Der Einsatz von Beamten im althergebrachten Sinne sollte auf wenige hoheitliche Bereiche beschränkt werden und stärker leistungsabhängig sein. Das könnte sich beispielsweise dahingehend auswirken, daß man Führungspositionen auf Zeit besetzt.
Die ÖTV hat durch die Reforminitiative "Zukunft durch öffentliche Dienste" ein Zeichen gesetzt, dass der öffentliche Sektor modernisiert werden kann.
Entscheidend ist nun auch, dass alle Politiker und Bürger lernen, dass Protektionismus uns nicht hilft und stattdessen Innovation, Öffnung und Beweglichkeit die beste Methode sind, im globalen Wettbewerb zu bestehen.
Globalisierung und Modernisierung sind dann kein Schicksal, dem wir ausgeliefert sind, sondern ein Prozess, an dem wir teilhaben können, den wir beeinflussen können.
So hat es die ÖTV auch in ihrer Präambel stehen. Wir wollen die Veränderungsprozesse in unserer Gesellschaft bewusst gestalten!
Ich habe es vorhin schon einmal gesagt: Die Sozialdemokratie und die Gewerkschaften werden die Solidarität - untereinander und in der Gesellschaft - nie aufgeben.
Dennoch: Zuviel Staat ist nicht finanzierbar. Einige Dinge müssen reformiert und dereguliert werden.
Aber ich betone es noch einmal: Nicht zu Lasten der Solidarität und der Grundsätze des Sozialstaates. Eine Ökonomisierung der Politik kann es nicht geben. Der Markt ist zunächst einmal sozial blind, politische Steuerung deshalb nicht entbehrlich.
Gleichwohl: Gerade wenn wir dieses Land nicht reformieren, wird unsere Möglichkeit, eben diese politische Gestaltungskraft wirksam auszuüben, zunehmend beschränkt.
Der Staat zieht sich also nicht völlig zurück, sondern wird dort tätig, wo er tatsächlich gebraucht wird, wo Eigenverantwortung allein nicht ausreicht.
Die neue Bundesregierung ist schon in den ersten Monaten der Amtszeit ihrer Verantwortung nachgekommen und hat einige wichtige Veränderungen bewirkt. Ich will nur einige kurz nennen:
· Das Kindergeld wurde zum 1.1. 1999 um 30 DM im Monat für das 1. und 2. Kind und wird zum 1.1.2000 noch einmal um 30 DM erhöht.
· Der steuerliche Grundfreibetrag ist angehoben, der Eingangssteuersatz abgesenkt worden.
· Wir haben die volle Lohnfortzahlung im Krankheitsfall wieder eingeführt und den Kündigungsschutz auch in kleinen Betrieben wieder hergestellt.
· Die Zuzahlung für Medikamente ist reduziert worden.
Das waren zum Teil auch Forderungen der Gewerkschaften. Und das haben wir umgesetzt, weil es im Interesse des Gemeinwohls ist.
Wie war noch einmal die Definition von solidarischem Verhalten, liebe Kolleginnen und Kollegen?
Solidarisch handelt, wer um das Gemeinwohl bemüht ist!
Und um das Gemeinwohl ist auch der bemüht, der mit persönlicher Leistungsbereitschaft ein eigenverantwortliches Leben führt - auf eigenen Füßen, aber mit der Gewißheit, daß er von anderen getragen wird, wenn er einmal fällt. Solange, bis er wieder selber, auf eigenen Füßen gehen kann.
Lasst uns dafür sorgen, dass Eigenverantwortung und Solidarität keine Gegensätze darstellen, sondern sich ergänzen!