14.11.1999
Die Erinnerung an die Vergangenheit ist Voraussetzung für die Gestaltung der Zukunft
Rede anläßlich des Volkstrauertages am 14. November 1999 in Schaumburg auf dem Ehrenfriedhof an der Paschenburg in Rinteln/Ortsteil Schaumburg
Sperrfrist: 14. November 1999, 8 Uhr
Es gilt das gesprochene Wort.Der diesjährige Volkstrauertag hat eine in zweierlei Hinsicht besondere Bedeutung:
Zum einen erinnern wir uns heute daran, dass vor 60 Jahren der Zweite Weltkrieg ausgebrochen ist, an dessen Ende weltweit über 50 Millionen Tote zu beklagen waren. Eine unfassbar große Zahl von Menschen.
Und
zum anderen ist dieser Volkstrauertag der letzte in einem Jahrhundert, in dem es so viele verheerende Kriege und kriegerische Auseinandersetzungen gegeben hat wie in kaum einem anderen zuvor.
Der Frieden, den wir in unseren Breitengraden seit den letzten rund 50 Jahren erleben dürfen, ist keine
Selbstverständlichkeit.
Und Tage wie dieser sind ein guter Anlass, sich das vor Augen zu führen. Sich klar darüber zu werden, welchen
Schrecken, welche
Zerstörung und welches
Leid Kriege mit sich bringen.
Die Toten der beiden großen Kriege, derer wir heute gedenken, sind uns eine ständige Mahnung, Frieden zu wahren.Und wenn ich sage,
uns eine Mahnung, dann meine ich alle Menschen in diesem Land, gleich welchen Alters. Die Botschaft des Volkstrauertages ist, sich an das Vergangene zu Erinnern, um auf dieser Grundlage Schlussfolgerungen für die Gestaltung von Gegenwart und Zukunft zu ziehen. Diese Aufgabe ist
eine generationsübergreifende Aufgabe.
Nicht zuletzt, weil gilt, was die Schriftstellerin Christa Wolf zutreffend so formuliert hat: "
Die Vergangenheit ist nicht tot. Sie ist nicht einmal vergangen."
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Schlussstriche kann man allenfalls auf einem Papierbogen ziehen. Im Leben geht das nicht.
Die
Vergangenheit hat immer Auswirkungen auf die
Gegenwart. Sie ist, ob wir wollen oder nicht, Teil unserer Existenz. Sie prägt sozusagen nicht nur die einzelne Familienbiographie, sondern auch die
Biographie einer Gesellschaft, die weder geschichtslos ist noch sein kann.
Das Wort "Geschichte" selbst macht dies ja bereits deutlich: Zeitliches Geschehen legt sich übereinander und aufeinander, es bildet Schichten. Jeder Jahresring eines Baumes gehört zu eben diesem Baum. Er wäre ein anderer, wenn er diese Jahresringe nicht hätte.
Und wir wären andere Menschen, wenn wir eine andere Geschichte hätten.
Selbstverständlich gilt: Wir sind nicht für Geschehenes verantwortlich, an dem wir nicht mitgewirkt haben. Aber es gilt eben auch: Wir sind verantwortlich dafür, aus Geschehenem Schlüsse zu ziehen. Wir müssen aus Geschehenem lernen und weitergeben - vermitteln -, was wir aus Geschehenem gelernt haben. Und das heißt: Wir müssen uns mit dem Vergangenen auseinandersetzen.
Der Zweite Weltkrieg, der vor inzwischen 54 Jahren sein Ende fand, wirkt in seinen Folgen für viele Menschen noch heute sehr unmittelbar fort.
Die Tatsache, daß wir gegenwärtig Regelungen für die Entschädigung von Zwangsarbeitern zu vereinbaren suchen, legt davon Zeugnis ab. Ebenso wie die Tatsache, daß es noch heute viele ältere Frauen gibt, deren Söhne oder Männer im Krieg gestorben sind. In meiner Generation, ich bin jetzt 30 Jahre alt, gibt es viele, die ihren Großvater aus diesem Grund nie kennengelernt haben.
Meine Mutter wurde in den 30er Jahren in einem Dorf in der Nähe von Schwerin geboren. Ihr jüngerer Bruder war selbst den Nazis zu jung, um in den Krieg geschickt zu werden, aber ihre zwei älteren Brüder nicht. Sie sind alle beide, damals jünger als ich es heute bin, nicht mehr nach Hause gekommen. Ich hätte diese beiden Menschen - diese zwei Onkel von mir - gerne kennengelernt. Ihre Namen waren Heini und Willi Pusback.
Sie haben zweieinhalb Jahrzehnte vor meiner Geburt den Hof der Eltern meiner Mutter in Richtung Rußland verlassen, und sie sind nicht wieder nach Hause gekommen.
Sie sind nicht "gefallen", wie man in Beschönigung dessen, was in Kriegen passiert, viel zu oft sagt. Denn wer fällt, der kann in der Regel auch wieder aufstehen. Sie sind verreckt - gestorben in einem Alter, in dem man nicht sterben sollte, sondern in dem das Leben eigentlich vor einem liegt.
Sie sind gestorben, weil sie durch ein verbrecherisches Regime in einen Krieg geschickt wurden. Durch ein Regime, das Menschenverachtung sowohl gegenüber vermeintlich Fremden als auch gegenüber der eigenen Bevölkerung zum Prinzip erhoben hatte.
Sie sind nicht für die Ehre ihres Landes gestorben, sondern für eine durch und durch schändliche Diktatur. Nicht für ein demokratisches Land, sondern für das Nazi-Reich.
Sie sind nicht im Namen der Wahrung von Demokratie gestorben, sondern im Namen derer, die in diesem Lande die Demokratie abgeschafft hatten. Eine Demokratie, die wir erst nach 1945 wiedererlangt haben, und zwar nicht aus eigener Kraft, sondern weil sie uns von wiedergegeben wurde.
Deutschland - das demokratische Deutschland, das 1933 zu existieren aufhörte - musste erst befreit werden von einer Tyrannei, die dazu geführt hatte, daß Unmenschen wie Adolf Hitler und Joseph Goebbels dafür sorgten, daß Menschen wie Heini und Willi Pusback gemeinsam mit vielen, vielen anderen für eine ungerechte Sache ihr Leben verloren.
Sie werden Angst gehabt haben in ihrem Schützengraben. Genau wie die jungen russischen Soldaten, die auf der anderen Seite standen. Und von denen ebenfalls viele nicht wieder zu ihrer Familie, zu ihren kleinen Schwestern auf den Bauernhof zurückgekehrt sind.
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Es ist
Fassungslosigkeit, die uns angesichts der Millionen von Kriegstoten erfüllt.
Wir können und dürfen diesem Schrecken nicht ausweichen, sondern wir müssen uns dem stellen.
Es sind Millionen deutscher Soldaten zwischen 1939 und 1945 gestorben. Dem im nachhinein einen Sinn beizumessen, wäre töricht. Es wäre auch unwahr. Ihr Tod hatte keinen Sinn -
ihr Tod war sinnlos, und genau das ist das Schreckliche, das wir gerade in seiner fürchterlichen Wucht ertragen müssen.
Keiner Frau, die ihren Mann verloren hat und keinem Kind, das seinen Vater verloren hat, können wir sagen: Es hatte Sinn.
Sie starben im Auftrag von Verbrechern, die sich dieses Landes bemächtigt hatten. Und wir alle sind gefordert, daß sich derartiges nie wieder ereignet.
Der Menschenfeindlichkeit ideologischer Gruppen entgegenzutreten und die Demokratie zu stärken - das sind die Schlußfolgerungen, die wir in Deutschland aus dem Zweiten Weltkrieg ziehen müssen. Schlussfolgerungen, die auch dann weitergegeben werden müssen, wenn Angehörige der Erlebnisgeneration oder jener Generationen, die mittelbar wie ich selbst von den Auswirkungen des Zweiten Weltkrieges betroffen sind, irgendwann nicht mehr gibt.-
Morgen beginnt wieder der Alltag.
Es ist gut, daß wir nicht nur Alltage, sondern auch Gedenktage und Feiertage haben. Es ist übrigens auch gut, daß wir nicht nur Werktage, sondern auch Sonntage haben - das muß auch so bleiben. Wer Oasen versanden läßt, dem bleibt nur noch die Wüste.
Es ist eben kein Luxus, Zeit zum Innehalten zu haben, sondern eine Notwendigkeit.
Das kann heißen, sich den persönlich oft so wichtigen Aktivitäten widmen zu können, die im Beruf vielleicht zu kurz kommen. Das kann heißen, mit der Partnerin oder dem Partner, mit Kindern und Freunden gemeinsam Zeit zu verbringen, die sonst fehlt.
Es kann auch heißen, und dafür steht der Volkstrauertag, sich zu besinnen auf eine Gemeinsamkeit, die wir alle haben und bewahren müssen:
Demokratie und Toleranz mit Leben zu erfüllen.
Dabei sage ich: Auseinandersetzung gehört zur Demokratie, weil die Diskussion um die Sache, um den besseren Weg - nicht der Streit um des Streites willen -, uns vorwärts bringt. Demokratie ist kein einfaches Regierungssystem, gerade weil die Möglichkeit des Einbringens unterschiedlicher Positionen und das Ringen um mehrheitlich gefaßte Beschlüsse deutlich komplizierter sind als diktatorische oder autoritäre Verfahren, wo einer oder wenige über alle und alles entscheidet. Wer möglichst viele Menschen an Entscheidungen beteiligen will - und das ist der Sinn von Demokratie - wird sehr oft keine einfachen Entscheidungsprozesse haben.
Bei all dieser Notwendigkeit zur Debatte gilt:
Wichtig ist und bleibt der Konsens der Demokraten darüber, was unsere gemeinsame Grundlage ist und sein muß - der Respekt voreinander und das Wollen, in Verantwortung füreinander und für kommende Generationen Freiheit, Recht und Chancengleichheit zu bewahren - sowie auch und gerade den Frieden.
Willy Brand hat vor genau 30 Jahren gesagt, wir Deutsche müßten das Ziel haben, gute Nachbarn zu sein - im Innern und nach außen. An Aktualität hat dieser Satz nie verloren.
Seien wir gute Nachbarn.
Und seien wir Menschen, die sich der Vergangenheit und der Zukunft verantwortungsbewußt stellen.
Über
diesen Tag und über
den Tag hinaus - an
allen Tagen!