20.03.2002
Rede anlässlich des Öffentlichen Gelöbnisses in Nienburg vom 20. März 2002
Rede anlässlich des Öffentlichen Gelöbnisses in Nienburg vom 20. März 2002
Es gilt das gesprochene Wort.
Meine Damen und Herren,
sehr verehrte Ehrengäste,
liebe Bürgerinnen und Bürger aus der Stadt und dem Landkreis Nienburg,
liebe Eltern und Angehörige der heute angetretenen Soldatinnen und Soldaten
Und - natürlich - liebe Soldatinnen und Soldaten!
Sie stehen heute im Mittelpunkt des Geschehens, und Ihnen gilt mein besonderer Gruß. Sie haben sich entschlossen, Ihr Engagement und Ihre Kraft für einen Teil Ihres Lebens in den Dienst unseres Staates zu stellen.
Dafür gebührt Ihnen Anerkennung und auch Dank.
Denn dass Sie einen im Grundgesetz vorgesehenen Dienst leisten, bedeutet zwar, einer rechtlich verankerten Pflicht nachzukommen.
Aber gerade die Demokratie der Bundesrepublik Deutschland zeichnet sich dadurch aus, dass auch der Dienende ein Staatsbürger bleibt, der für das Gemeinwesen als Uniformträger einen besonderen Beitrag leistet - und der hierfür Respekt wie auch Anerkennung und Dank verdient.
Ein Feierliches Gelöbnis ist ein bedeutendes Ereignis: Insbesondere für jeden einzelnen Soldaten und für die Angehörigen. Die jungen Soldaten geloben, unserem demokratisch verfassten Staate treu zu dienen und das Recht und die Freiheit zu verteidigen.
Ihr gemeinsamer Dienst ist zugleich ein Ausdruck für die Gemeinsamkeit der Deutschen.
Über die Wehrpflicht kommt es nicht zuletzt zu Begegnungen von Menschen, die sich sonst eher zuwenig begegnen.
Ich bin heute als Vertreter des Landkreises Nienburg im Deutschen Bundestag aus drei Gründen sehr gerne hierher gekommen.
Zum einen, weil hier in Nienburg Rekruten aus neun unserer 16 Bundesländer zum Gelöbnis angetreten sind: Aus Sachsen und Hamburg, aus Brandenburg und Bremen, aus Sachsen-Anhalt und Schleswig-Holstein, aus Mecklenburg-Vorpommern und Nordrhein-Westfalen.
Und sogar aus Niedersachsen.
Das unterstreicht: Bei aller Verschiedenheit in Deutschland eint uns die Bereitschaft, das in unserem Land gemeinsam errungene Maß an Demokratie und Freiheit nicht preis zu geben, sondern zu seiner Verteidigung bereit zu sein.
"Die Würde des Menschen ist unantastbar", heisst es gleich zu Beginn unseres Grundgesetzes. Und das Grundgesetz spricht dann weiter von der Verpflichtung, die Menschenwürde zu achten und zu schützen.
Sie, liebe Soldatinnen und Soldaten, verpflichten sich heute insbesondere auch hierzu. Und als Staatsbürger in Uniform sind Sie dabei als Teil der Zivilgesellschaft und zugleich als Teil der Bundeswehr in besonderer Weise gefordert.
Und dass das heutige Gelöbnis ein bedeutender Vorgang ist, wird auch dadurch unterstrichen, dass viele Angehörige zum Teil lange Wege auf sich genommen haben, um heute hier sein zu können.
Es gibt einen zweiten Grund, warum auch ich heute gerne hier bin: Die Bevölkerung der Stadt Nienburg und der ganzen Region pflegt seit Jahrzehnten einen überaus harmonischen Umgang mit der Bundeswehr. Heute sind viele Nienburgerinnen und Nienburger unter uns und unterstreichen diese Tatsache mit ihrer Anwesenheit.
In dieser Stadt wird deutlich, dass die Bundeswehr in unserer demokratischen Gesellschaft kein Fremdkörper, sondern ein fest integrierter Bestandteil ist.
Die Verbundenheit mit einem Standort ist nicht zuletzt für die Soldaten wichtig: Sie gibt ihnen den Rückhalt, den sie bei ihrem Dienst brauchen, aber auch zu Recht erwarten können. Ich bin deshalb sehr froh darüber, dass es vor einem Jahr auch durch eine von der Bevölkerung mitgetragene, parteiübergreifende Initiative gelungen ist, den Bundeswehrstandort Nienburg zu erhalten und sogar zu stärken.
Dabei gilt natürlich: Die Bundeswehr ist kein Selbstzweck, sie existiert nicht um ihrer eigenen Existenz willen, sondern um der Existenz der deutschen Demokratie willen.
In welchem Umfang wir Soldaten benötigen, das ist vor diesem Hintergrund selbstverständlich immer wieder zu prüfen. Aber dass wir die Bundeswehr grundsätzlich brauchen und weiter brauchen werden, das wird von niemandem in Frage gestellt - jedenfalls von niemandem, den man ernst nehmen kann.
Wir brauchen die Bundeswehr als Beitrag für die Sicherheitsvorsorge im Inland und als notwendigen Bestandteil der außenpolitischen Handlungsfähigkeit unseres Landes.
Und dass eine kleinere Bundeswehr, als wir sie zu Zeiten des Kalten Krieges hatten, möglichst dort stationiert sein sollte, wo sie den Bürgerinnen und Bürgern besonders willkommen ist und in das Leben einer Stadt so problemlos einbezogen wird wie hier in Nienburg, das ist nach meiner Überzeugung richtig.
Es gibt noch einen dritten Grund, warum ich gerne hier bin:
Ich selbst habe nach der Schule nicht Wehr-, sondern Zivildienst geleistet. Das ist zwölf Jahre her.
Und ich kann mich noch gut an Diskussionen kurz vor dem Abitur in meinem Freundeskreis erinnern, in denen es darum ging, wer von uns zur Bundeswehr geht, und wer Zivildienst leistet.
Dabei ging es nie darum, ob der eine oder der andere ein besserer Mensch ist, sondern wir waren uns einig darüber, dass sich jeder für sich selbst klar machen muss, welche Form des Dienens für unsere Gesellschaft ihm entspricht.
Und es ist eine Frage wechselseitigen Respektes, die Entscheidung anzuerkennen, die dabei herauskommt. Ich mache bei Diskussionen in Berlin mit älteren Schülern die Erfahrung, dass dieser wechselseitige Respekt eine Selbstverständlichkeit geworden ist, und dass Freundschaften nicht darunter leiden, ob man Wehrdienst oder Zivildienst leistet.
Denn es kommt auf zwei Dinge an: Erstens darauf, dass junge Menschen wahrnehmen und danach handeln, dass die Mitgliedschaft in einer Gesellschaft nicht nur Rechte, sondern auch Pflichten beinhaltet und die Übernahme von Verantwortung verlangt.
Und zweitens, dass die Dienstzeit als sinnvoll verbrachte Zeit erlebt wird.
Das wünsche ich Ihnen, liebe Soldatinnen und Soldaten, so wie ich Ihnen auch verständnisvolle und verantwortungsbewusste Vorgesetzte wünsche.
Männer und Frauen wie Sie tragen dazu bei, diesem Land und Europa Sicherheit und Frieden in Freiheit zu bewahren.
Ihr Dienst ist wertvoll und wichtig - anerkannt und von breiter Zustimmung in der Bevölkerung getragen.
Ihr Dienst wird benötigt.
Die Bundeswehr und unsere feste Einbindung in die politische Wertegemeinschaft zivilisierter Staaten - in der NATO ebenso wie im System der Europäischen Sicherheits- und Verteidigungspolitik - garantieren unseren Frieden, unsere Sicherheit und vor allem: unsere Freiheit.
Frieden gibt es nicht ohne Freiheit. Und Freiheit zu bewahren macht es erforderlich, zu ihrer Verteidigung fähig und bereit zu sein.
Deswegen ist es richtig, dass die Bundeswehr auch für Frauen zugänglich geworden ist. Und so nehmen heute auch zwei Soldatinnen am Gelöbnis teil.
Sie, liebe Soldatinnen und Soldaten, übernehmen persönlich auf Zeit eine besonders ausgeprägte Verantwortung für Frieden, Freiheit und Sicherheit. Das kann nur, wer selbst von den Werten unserer Verfassung überzeugt ist. Und mit dem Gelöbnis, das Sie heute leisten, bringen Sie diese Überzeugung als Bekenntnis zu unseren Grundwerten zum Ausdruck.
Ich wünsche Ihnen eine herausfordernde und ausgefüllte Dienstzeit. Seien Sie fair im Umgang miteinander.
Ihren Vorgesetzten wünsche ich eine gute Hand - und uns allen Glück und eine Zukunft in Frieden und Freiheit.