05.06.2003
Rede vom 30. Mai 2003 in Bad Nenndorf
Rede anlässlich des 40jährigen Bestehens der Schulpartnerschaft zwischen dem Gymnasium Bad Nenndorf und dem französischen Lycee Albert Triboulet
(Anrede), lassen Sie mich zunächst herzlich für die Einladung danken, an dieser Jubiläumsveranstaltung teilzunehmen.
Das besonders Bemerkenswerte an der nun 40 Jahre währenden Partnerschaft zwischen dem Gymnasium Bad Nenndorf und dem Lycee Albert Triboulet ist, dass beide Schulen Pionierarbeit bei der Ausgestaltung der Zusammenarbeit zwischen deutschen und französischen Bürgern geleistet haben.
Am 22. Januar 2003 feierten Frankreich und die Bundesrepublik Deutschland den 40. Jahrestag der Unterzeichnung des Elysée-Vertrages durch Staatspräsident Charles de Gaulle und Bundeskanzler Konrad Adenauer.
Der Elysée-Vertrag war Ausdruck des Willens beider Staaten, nach den Schrecken des Krieges die lange Zeit der Feindschaft zwischen Deutschland und Frankreich zu überwinden und zu einem dauerhaften Frieden auf dem europäischen Kontinent beizutragen.
Mit dem Elysée-Vertrag wurde ein beispielloser Prozess der Verständigung, der Aussöhnung und der Kooperation zwischen beiden Ländern und Völkern eingeleitet.
Durch die schrittweise Annäherung zwischen Deutschland und Frankreich konnten alte Gegensätze überwunden und eine Kultur des Zusammenlebens und der Partnerschaft entwickelt werden.
Die umfangreichen und vielfältigen Programme und Projekte zur Förderung von Begegnung, Austausch und Kultur haben zu mehr gegenseitigem Verständnis und zum Zusammenwachsen beider Zivilgesellschaften beigetragen.
Getragen wurde diese Zusammenarbeit von Anfang an durch die Unterstützung der Menschen in beiden Ländern. Wenn der Begriff der Partnerschaft mit Leben erfüllt werden soll, kann sich eine Zusammenarbeit nicht auf Kontakte zwischen staatlichen Einrichtungen beschränken: Wenn sich Regierungschefs verstehen, ist das eine gute Sache - aber wenn es zwischen vielen einzelnen Menschen aus verschiedenen Ländern gute Kontakte gibt, dann ist das eine noch bessere Sache.
(Anrede), wir sind heute zusammengekommen, um das Jubiläum des 40jährigen Bestehens der Schulpartnerschaft zwischen dem Gymnasium Bad Nenndorf und dem Lycée Albert Triboulet zu feiern.
Bei der Betrachtung der Beziehung zwischen Frankreich und Deutschland verwenden viele Kommentatoren das Bild von den früheren "Erbfeinden", die nach vielen kriegerischen Auseinandersetzungen nun in Freundschaft verbunden sind und friedlich zusammenleben.
Dieses Bild hat gewiss seine Berechtigung - allein schon, wenn man sich die zahlreichen Kriege zwischen Frankreich und Deutschland bzw. Preußen im 19. und 20. Jahrhundert in Erinnerung ruft.
Vor diesem Hintergrund ist die heutige Beschaffenheit der Beziehungen zwischen Frankreich und Deutschland - die nicht bloß durch die Abwesenheit militärischer Auseinandersetzungen, sondern durch Freundschaft und Vertrauen gekennzeichnet ist - in der Tat mehr als bemerkenswert.
Doch wenn man sich die Konflikte zwischen Deutschen und Franzosen in den letzten beiden Jahrhunderten etwas genauer anschaut, so wird auch deutlich, dass die inzwischen überwundene Feindschaft dann besonders ausgeprägt war, wenn in Deutschland und seinen Vorgängerstaaten undemokratische, autoritäre Kräfte das Sagen hatten: Angefangen mit den Koalitionskriegen gegen das französische Revolutionsheer, über den deutschen Einigungskrieg 1870/71, bis hin zum zerstörerischen Wahnsinn des 1. und 2. Weltkrieges - bei all diesen Konflikten wurden Deutschland und seine Vorgängerstaaten von antidemokratischen, seien es monarchische oder faschistische, Machthabern regiert.
Während in Deutschland noch Unterdrückung und Willkürherrschaft andauerten, diente Frankreich den demokratischen und fortschrittlichen Kräften Deutschlands als positiver Bezugspunkt und nicht zuletzt auch als Zufluchtsort vor staatlicher Repression. Es sei nur an den großen deutschen Literaten Heinrich Heine erinnert, der, wie so viele andere deutsche Demokraten und Oppositionelle auch, in Paris Zuflucht suchen mußte, um staatlicher Zensur und Verfolgung in seiner Heimat zu entgehen.
Die nunmehr 40jährigen, guten freundschaftlichen Beziehungen sind somit nicht zuletzt auch Ausdruck einer festen Verankerung der Demokratie in Deutschland.
Der Blick auf die Geschichte zeigt zugleich: Die freundschaftlichen Beziehungen zwischen Frankreich und Deutschland können und sollten niemals als etwas Selbstverständliches betrachtet werden! Im Gegenteil, zur Aufrechterhaltung der tiefen deutsch-französischen Freundschaft bedarf es der permanenten Bestätigung dieser Freundschaft durch Franzosen und Deutsche - und zwar nicht allein auf der Ebene ihrer jeweiligen Regierungen, sondern vor allem durch die Bürgerinnen und Bürger beider Länder.
Gleichzeitig gilt: Feindschaft ist ein Erbe, das man nicht annehmen muss - und Konflikt-Traditionen kann man durchbrechen.
Dabei ist festzuhalten: Frieden und Zivilisierung sind Errungenschaften ohne Ewigkeits-Garantie. Man muss daran arbeiten, sie zu bewahren, zu erhalten und zu stärken.
Daher freue ich mich als Vertreter Schaumburgs im Deutschen Bundestag besonders über die erfolgreiche Geschichte der Schulpartnerschaft zwischen dem Gymnasium Bad Nenndorf und dem Lycée Albert Triboulet, deren nunmehr 40jähriges Bestehen wir heute würdigen. Hier wurde echte Aufbauarbeit in Sachen Völkerverständigung geleistet.
Die Politik kann mit Verträgen (wie dem Elysee-Vertrag) lediglich die Rahmenbedingungen für ein partnerschaftliches Verhältnis schaffen.
Die konkrete Ausgestaltung dieses Verhältnisses obliegt vor allem den Bürgern. Nur Partnerschaftsprojekte wie das Ihre füllen die freundschaftlichen Beziehungen zwischen Frankreich und Deutschland mit Leben und Substanz.
Daher sind derartige Projekte für die Weiterentwicklung des auch für Europa außergewöhnlich guten Verhältnisses zwischen Deutschland und Frankreich von zentraler Bedeutung und den Bürgerinnen und Bürgern, die sich mit viel persönlichen Engagement für engere Bindungen zwischen unseren Ländern einsetzen, gebührt mein besonderer Dank!
Menschen, welche die Freundschaft zwischen Franzosen und Deutschen - wie Sie durch diese Schulpartnerschaft - über Jahre hinweg entwickeln helfen und insbesondere den persönlichen Kontakt zwischen jungen Bürgern beider Länder ermöglichen, tragen maßgeblich dazu bei, dass Hass und nationaler Überlegenheitswahn verschwinden konnten.
Der Zusammenarbeit zwischen beiden Schulen wünsche ich auch mit Blick auf die kommenden 40 Jahre alles Gute!