Berliner Zeitung vom 25. Oktober 2002 - Eine Frage des Geruchs
Was ein Abgeordneter auf Wohnungssuche erlebte
Gerold Büchner
BERLIN, 24. Oktober. Sebastian Edathy ist dreiunddreißig und trotz seiner jungen Jahre ein bedächtiger Mann. Sein Vater war evangelischer Gemeindepfarrer in Hannover, und für Temperamentsausbrüche sind die Niedersachsen auch nicht bekannt. Seit 1998 sitzt der Sozialdemokrat Edathy im Bundestag, als direkt gewählter Abgeordneter des Kreises Nienburg-Schaumburg. Die Wähler haben ihn soeben mit fast vierundfünfzig Prozent bestätigt. Offenbar haben sie keine Probleme mit Edathys Namen und Hautfarbe.
Das trifft nicht auf alle Menschen zu, wie Edathy jetzt wieder erfahren musste. Was er bei der Wohnungssuche in Berlin vor einigen Tagen erlebte, nennt er "ein krasses Beispiel von Alltags-Diskriminierung".
Bisher hatte Edathy während der Sitzungswochen in Berlin mit einer Abgeordnetenkollegin zusammengewohnt, die es jetzt nicht in den Bundestag geschafft hat. Deshalb suchte er eine neue Zweitwohnung und wurde am Hackeschen Markt fündig: ein Zimmer, Neubau, nichts Besonderes. Edathy füllte nach dem Rundgang mit dem Makler einen Bewerberbogen aus.
Der Besitzer der Wohnung, Doktor Roland Bange aus Frankfurt am Main, hatte jedoch noch ein paar Fragen. Was denn Edathy für ein Name sei, der höre sich ausländisch an, wollte Bange von einer Mitarbeiterin in Edathys Abgeordnetenbüro am Telefon wissen. Der Name sei indischer Herkunft, sagte die Mitarbeiterin, der Vater sei vor vierzig Jahren nach Deutschland gekommen. Edathy sei Deutscher. Sonst könne er ja auch kein Bundestagsmandat ausüben.
Intensive Gewürze
Herr Bange, beziehungsweise Doktor Bange, darauf besteht seine Sekretärin, war noch nicht zufrieden. Man möge ihn nicht falsch verstehen, aber "Herr Edathy als Inder wird doch bestimmt viel mit diesen intensiven Gewürzen kochen", sagte er, notierte die Mitarbeiterin in einem Gesprächprotokoll. Den Geruch bekomme er nicht mehr aus den Wänden heraus. Er habe schon einmal den gesamten Putz aus einer Wohnung abklopfen müssen.
Wenn man Bange nach der Geschichte fragt, rechtfertigt er sich. Es sei doch legitim zu fragen: Wer ist das, was macht der? Von Gewürzen habe er nicht gesprochen. Wie es stattdessen war, will er nicht sagen.
Sebastian Edathy jedenfalls erinnert der Vorfall an früher: Als er bei einer Party zum Lieferanteneingang geschickt wurde oder bei einem Gartenfest mit dem Kellner verwechselt wurde, nur weil seine Haut dunkler ist, als es die der meisten Gäste war. "Deutschland ist eine heterogene und weltoffene Gesellschaft", sagt Edathy. "Aber bis das in allen Köpfen angekommen ist, das dauert noch."