02.07.2009
Sebastian Edathy: Der Feldforscher - Frank Jansen
Erschienen in Maybrit Illner, Hajo Schumacher (Hg.): Schmierfinken - Politiker über Journalisten (ISBN: 978-3-453-62037-7).
Zu bestellen beim Heyne-Verlag oder unter
http://www.randomhouse.de/book/edition.jsp?edi=312663. 183 Seiten, Preis: 7,95 €
Der große deutsche Soziologe Norbert Elias formulierte einst, der beste Beobachter sei der, welcher "Engagement und Distanzierung" an den Tag lege. Also einer, der sich einer Sache intensiv widmet, ohne sich von ihr überwältigen zu lassen oder in ihr aufzugehen. Einer, der die Fähigkeit zur objektivierenden Gesamtschau im Auge behält und sich gleichwohl einem Thema mit Anteilnahme und Nachdruck widmet, weil er von der Notwendigkeit seines Tuns überzeugt ist.
Frank Jansen vom Berliner "Tagesspiegel" gehört zu den Journalisten, die als schreibende Beobachter dem Elias-Ideal entsprechen.
Er ist einer der wenigen Vertreter seiner Zunft, die sich schwerpunktmäßig mit dem Thema Rechtsextremismus beschäftigen. Pseudo-Antifaschismus und Gleichgültigkeit, häufige Phänomene, ärgern ihn dabei gleichermaßen.
Während andere nur punktuell dem Thema Rechtsextremismus Aufmerksamkeit schenken, sei es aufgrund bedenklicher Wahlergebnisse der NPD oder besonders erschreckender Übergriffe, recherchiert Jansen Strukturen und schreibt darüber. Er tut dies beharrlich und mit Konsequenz. Er will nicht nur über Symptome berichten, sondern über Ursachen. Aufklärung ohne Belehrung, das ist Markenzeichen der Texte Jansens, der mehr ist als ein Chronist aber alles andere als ein Missionar.
Jansen ist ein Profi mit Leidenschaft für die Demokratie. Er weiß darum, dass diese für ihre Erhaltung der Verteidigung bedarf. Er hat einen klaren Blick dafür, dass Demokratie nicht vererbt werden kann, sondern von jeder Generation neu erlernt werden muss. Und er sieht sehr klar, dass dort, wo demokratische Strukturen unterentwickelt sind, Rechtsextremisten die unverhofften Aktionsräume zunehmend professionell nutzen.
Bitter hat ihn das nie gemacht. Auch wenn er aufgrund von Anfeindungen seine Adresse geheim halten muss. Auch wenn er bereits mehrfach bedroht wurde. Auch wenn ihm oft Schweigen begegnet, wenn er kritisch nachfragt, was vor Ort eigentlich getan wird, um Demokratiefeindlichkeit wirksam abzuwehren.
Geplant hatte Frank Jansen weder seinen Weg zum Journalismus noch zum Thema Rechtsextremismus.
1959 geboren und aufgewachsen in Wuppertal, ging er zum Studium nach Berlin, erhielt dort 1983 sein Diplom in Politologie. Damals interessierte er sich für die Skinhead-Szene im Westteil der gespaltenen Stadt. Dem liberalen Bürgersohn mochte nicht einleuchten, warum Menschen die Demokratie verachten. "Feldforschung" nennt Jansen heute das, was er damals tat. Er las die Publikationen der Szene, schaute sich Treffpunkte an. Er tat, was man tut, um sich ein vertieftes Bild zu machen – nicht Dogmatik, sondern Neugier an den Tag zu legen: "Warum sind Leute so?", war die ihn interessierende Frage.
Seine entsprechenden Sinne geschärft hat Frank Jansen 1986 im Libanon. Man muss sich das so vorstellen: Junger Akademiker aus Berlin reist in Kriegsgebiet. Niemand, außer seinem persönlichen Interesse, führte ihn dorthin. Auf ein Dach gekauert speicherte er Tonaufnahmen, auf denen das Läuten von Kirchenglocken und Schusswechsel zu hören sind.
"Das war den Radiosendern zu krass", sagt Jansen heute. Das Tondokument hat er daheim archiviert. Seine Text-Berichte, die er mehreren Zeitungen zum Abdruck anbot, wurden hingegen gerne aufgegriffen. Unter anderem vom "Tagesspiegel".
Im Rückblick hat er damit den Beginn seiner Arbeit als Journalist begründet. Und sein Selbstverständnis. Da sein, wo man sein muss, auch wenn kein anderer da ist. Weil’s eben wichtig ist. Und auch da sein, obwohl es gefährlich werden kann.
Auf eigene Faust, aber immer mit dem Willen zum Schreiben und zur Veröffentlichung seiner Texte, bereiste Jansen später unter anderem Burma, schrieb über einen Müllkippen-Slum in Manila.
1987 erkannte der "Tagesspiegel" sein Talent, da war er keine 30 Jahre alt und immer noch ein Quereinsteiger. Keiner, der echte Zeitungs-Erfahrung besaß oder an einer Journalistenschule studiert hatte.
Ob das heute noch so funktionieren würde? Jansen: "Wäre jedenfalls schwieriger."
Als freier Mitarbeiter wurde Jansen zunächst vom "Tagesspiegel" eingestellt, als Autor für die Bildungsseite. So richtig froh wurde Jansen damit nicht, fühlte sich unterfordert.
Was er kann, zeigte sich im Wendejahr 1989. Ohne Auftrag und verärgert darüber, dass im "Tagesspiegel" lange Zeit nur Agenturmeldungen über die Entwicklung im Osten der Stadt abgedruckt wurden, begab sich Jansen in die Hauptstadt der DDR, notierte, fotografierte und kam mit frischem Material in seine Redaktion zurück.
Jansen: "Bestellt war das nicht, aber man kam nicht drum herum, das zu bringen, weil es überzeugender Stoff war."
20 Jahre ist das bald her, aber es macht deutlich, warum Frank Jansen ein außergewöhnlicher Journalist ist. Er wartet oft nicht auf Aufträge. Er hat ein sicheres Empfinden für Themen. Und im Zweifelsfall macht er etwas und geht davon aus, dass es relevant ist, weil er davon überzeugt ist, dass es relevant ist. Meistens hat er Recht.
Als er 1990 Korrespondent mit Sitz in Frankfurt/Oder wird und verantwortlich für die Seiten des "Tagesspiegel" in und aus Brandenburg, holt ihn das Skinhead-Thema aus dem alten West-Berlin ein Stück weit wieder ein. Nicht ohne Überraschung stellte er fest, dass Rechtsextremismus in Ostdeutschland kein Phänomen in Folge der Einheits-Verwerfungen ist, sondern wie im Westen der Republik lange gewachsene Strukturen aufweist. Er beginnt, darüber zu berichten.
Am 8. April 1991 wird nach Wegfall der Visumspflicht für polnische Staatsbürger in Frankfurt/Oder ein Bus aus Polen von Deutschen mit Steinen beworfen. Von offizieller Seite wird der Vorgang totgeschwiegen, Jansen schreibt darüber.
Jansen schreibt auch über die Anschläge auf Asylbewerber in Rostock 1992, auf türkischstämmige Bürger in Solingen 1993. Beide Städte liegen nicht in Brandenburg. Jansen fuhr hin, weil er glaubte, da sein und berichten zu müssen.
Danach erhält er vom "Tagesspiegel" grünes Licht, sich intensiv mit diesem Thema bundesweit beschäftigen zu können.
Der "Tagesspiegel" hatte die Ambition, sich als überregionale Zeitung aufzustellen, und Frank Jansen war und ist personalisierte Gewährleistung für eine sachliche und engagierte Berichterstattung zugleich.
Jansen geht unangemeldet in Jugendzentren, die als "rechtsextrem" gelten. Er bemüht sich um Zutritt bei Versammlungen rechtsextremistischer Gruppen und Parteien. Er macht Recherchen, die ihn gefährden könnten. Er ist unbequem. Nicht, weil es ihm Spaß machen würde, sondern weil es nötig ist, um Zugang zu dem Material zu erhalten, über das er schreiben will.
Jedes Jahr berichtet er über Orazio Giamblanco. Der Italiener wurde 1996 südlich von Berlin von Skinheads überfallen, seitdem ist er schwerbehindert. "Langzeitstudie" nennt Jansen seine regelmäßigen Texte über das Schicksal dieses Mannes. Es ist Journalisten wie Frank Jansen zu verdanken, dass die Opfer von Rechtsextremisten einen Platz in der überregionalen Presse finden, dass man sie nicht vergisst.
Eher zurückhaltend berichtet Jansen, für seine Arbeit mehrere Auszeichnungen erhalten zu haben. Wichtig war ihm das selbst nicht so sehr. Wichtig war ihm, gegenüber seiner Chefredaktion deutlich machen zu können: "Es geht nicht immer nur um Schlagzeilen." In der Leitung des "Tagesspiegel" hat man längst erkannt, dass Jansen das Profil des Blattes geschärft hat.
Seit 2001 ist er als Reporter der Chefredaktion zugeordnet. "Größtmögliche Authentizität" seiner Texte ist sein Anspruch. Und dem wird er gerecht.