05.09.2006
Rede vor dem Deutschen Bundestag vom 5. September 2006
Rede im Rahmen der Haushaltsdebatte 2007 zum Einzelplan 06
(Bundesministerium des Innern) vom 5. September 2006
Präsident Dr. Norbert Lammert:
Nun hat das Wort der Kollege Sebastian Edathy für die SPD-Fraktion.
Den zahlreichen bereits vorgetragenen Glückwünschen zu seinem heutigen
Geburtstag schließt sich das Präsidium vollinhaltlich an.
(Beifall)
Sebastian Edathy (SPD):
Vielen Dank. – Guten Abend, Herr Präsident! Liebe Kolleginnen und
Kollegen! Es ist ganz schön, einmal eine Rede mit Beifall aus allen
Fraktionen beginnen zu können. Wenn wir das so beibehalten könnten,
würde ich das durchaus begrüßen.
(Gisela Piltz [FDP]: Das kommt darauf an, wie oft Sie Geburtstag haben!)
Wir haben in dieser Debatte heute Nachmittag und heute Abend sehr
intensiv über innere Sicherheit gesprochen. Ich freue mich, dass es
doch einen sehr breiten Konsens gegeben hat, nämlich sowohl in der
Hinsicht, dass es nicht redlich wäre, den Bürgerinnen und Bürgern den
Eindruck zu vermitteln, man könne hundertprozentige Sicherheit
garantieren, als auch in der Hinsicht, dass es nicht redlich wäre, so
zu tun, als beschäftigten wir uns mit dem Thema "Umgang mit den
Herausforderungen durch den internationalen Terrorismus“ erst seit
vorgestern oder seit drei Wochen. Da ist auch in der Verantwortung der
Vorgängerregierung unter Bundesinnenminister a. D. Otto Schily viel auf
den Weg gebracht worden, wobei es immer noch
Verbesserungsmöglichkeiten,
Optimierungsmöglichkeiten gibt.
(Beifall bei der SPD)
Dazu gehört das, was jetzt im Herbst in Form der Evaluierung der
Antiterrorismusgesetze ansteht. Dazu gehört aber sicherlich auch, das
umzusetzen, was nach meinem Dafürhalten inhaltlich auch Konsens ist:
nämlich die Antiterrordatei. So sehr ich es begrüße, dass sich die
Innenminister der Bundesländer damit sehr intensiv beschäftigt haben
und auch viele Gemeinsamkeiten entdeckt haben, denke ich, dass wir hier
im Parlament deutlich sagen sollten: Wir freuen uns über gute
Anregungen, die von den Länderinnenministern kommen, aber Gesetzgeber
sind wir als Parlamentarier schon selber; dafür haben wir die
Legitimation.
(Beifall bei der SPD)
Wir haben auch den Anspruch, diesen Entwurf genau anzuschauen, bevor
wir ihn hier mit Mehrheit verabschieden, auch wenn mir das, was da
entwickelt worden ist, durchaus plausibel und vernünftig zu sein
scheint. Es ist mir aber schon im Mai etwas sauer aufgestoßen, dass die
Innenministerkonferenz den Eindruck erweckt hat, sie sei es, die
zuständig ist für das Staatsangehörigkeitsrecht oder für das
Ausländerrecht insgesamt. Da haben wir doch klare grundgesetzliche
Regelungen, an die wir uns in einer Demokratie auch halten sollten. Die
Sicherheitsarchitektur in Deutschland – das sollte man bei der ganzen
Debatte berücksichtigen – hat sich im Großen und Ganzen bewährt,
einschließlich der grundsätzlichen Trennung zwischen polizeilichen und
militärischen Aufgaben. Auch wenn man den Eindruck hat, dass die
Forderung nach einem bewaffneten Einsatz der Bundeswehr im Innern eine
Art ceterum censeo von Teilen der deutschen Innenpolitik des frühen 21.
Jahrhunderts zu sein scheint, will ich hier doch deutlich sagen: Die
Forerung nach bewaffneten Bundeswehreinsätzen im Innern wird nicht
dadurch besser, dass man sie wiederholt; sie bleibt falsch.
(Beifall bei der SPD)
Wir sind der Auffassung, dass die für Bundeswehreinsätze in
Deutschland geltenden grundgesetzlichen Vorgaben im Kern absolut
ausreichend sind. In dem Zusammenhang möchte ich auf zwei Dinge
hinweisen. Zum einen hat nicht zuletzt – bei aller Skepsis, die es im
Vorfeld teilweise gegeben hat – die Fußballweltmeisterschaft in
Deutschland sehr eindrücklich unter Beweis gestellt, dass unsere
Polizei sehr wohl und in hervorragender Weise dazu in der Lage ist,
auch mit schwierigen Situationen umzugehen. Zum anderen gehört es auch
zur Redlichkeit in der Debatte, sehr deutlich zu sagen, dass es beim
Thema "Umgang mit den Herausforderungen durch den internationalen
Terrorismus“ nicht so sehr auf die Muskeln in den Armen als auf die
Muskeln zwischen den Ohren ankommt. Die entscheidende Waffe ist
möglichst gute Informationserhebung und möglichst gute
Informationsvernetzung. Das heißt, neben der Polizei muss es
nachrichtendienstliche Arbeit geben, die natürlich demokratischer
Kontrolle und Legitimation unterliegt. Es kommt aber nicht so sehr auf
das an – das ist der entscheidende Punkt –, was dann in Form von
Manpower zum Beispiel im direkten Sicherheitsbereich zu leisten wäre.
Liebe Kolleginnen und Kollegen, im Zuge der Haushaltsberatungen in
den nächsten Wochen wird sehr genau darauf zu achten sein, dass von den
Vorschlägen zur personellen und zur sächlichen Verbesserung der
Ausstattung unserer Sicherheitsbehörden diejenigen, die nötig sind,
umgesetzt werden, und dass wir vor allen Dingen den Bereich der
Prävention, den Bereich der Vorbeugung stärken. Lassen Sie mich mit
Blick auf die Sicherheitsdebatte sagen, dass ich sehr froh darüber bin,
dass ganz bewusst und zu Recht parteiübergreifend davon Abstand
genommen wurde, Bürger muslimischen Glaubens mit einem Generalverdacht
zu überziehen. Ich bin zugleich froh darüber, dass die Notwendigkeit,
im Bereich der Integrationspolitik substanziell etwas zu verbessern,
ebenfalls unstrittig ist. Aber auch im Bereich der Integration gilt:
Wir fangen nicht bei null an; wir müssen das Rad nicht neu erfinden.
Ich will in diesem Zusammenhang ein Beispiel nennen, auf das ich heute
aufmerksam wurde und das ich sehr gut finde. Die Nachrichtenagenturen
veröffentlichten heute Mittag folgende Meldung: "40 Berliner Moscheen
erinnern an Terror-Opfer des 11. September“. Ich darf daraus
auszugsweise zitieren:
"Rund 10.000 Berliner Muslime werden am Freitag zu Gebeten für die
Opfer der Terroranschläge vom 11. September 2001 erwartet. Rund 40
Moscheen wollen das Gedenken zum Thema ihrer Freitagspredigten machen,
wie der Senatsbeauftragte für Integration … am Dienstag in Berlin
ankündigte."
Der Beauftragte
"betonte, die Initiative zum "Gebet für Frieden und gemeinsame Verantwortung“ komme von den muslimischen Gemeinden. Er"
– also der Integrationsbeauftragte des Landes Berlin –
"wertete sie als Meilenstein, der das gewachsene gesellschaftspolitische Engagement der islamischen Gemeinden zeige."
Ich sehe das genauso wie der Integrationsbeauftragte.
(Beifall bei Abgeordneten der SPD)
Ich hoffe, der Kollege Pflüger, der heute nicht anwesend ist und der
meint, das Thema Moscheebau zum Wahlkampfthema machen zu müssen, wird
das ähnlich sehen. Wir können sehr stolz darauf sein, dass wir in
diesem Land Religionsfreiheit, basierend auf einem gemeinsamen
Wertefundament, haben. Ob ein Bürger dieses Landes am Freitag in die
Moschee, am Samstag in die Synagoge oder am Sonntag in die Kirche geht
oder nichts von alledem macht, weil er Atheist ist, kann uns als
Demokraten relativ gleichgültig sein. Das unterliegt der persönlichen
Freiheit. Wenn ein gemeinsamer Wertekanon vorhanden ist – das gilt für
die ganz überwiegende Mehrheit der Muslime in Deutschland wie für die
Christen in Deutschland –, dann gibt es keine Probleme. Ich glaube,
dass die Entwicklung, die mit dem Integrationsgipfel angeregt worden
ist, auf etwas aufbauen kann, was deutlich besser ist, als es
gelegentlich in den öffentlichen Diskussionen im Lande dargestellt
wird. Der größte Ausgabenposten für den Bereich der
Integrationsmaßnahmen im Entwurf des Haushaltes des
Bundesinnenministeriums sind die Sprach- und Integrationskurse. Für das
Jahr 2007 ist ebenso wie für das Jahr 2006 eine Summe von 141 Millionen
Euro vorgesehen. Der Minister hat darauf hingewiesen, dass es richtig
gewesen sei, die gleiche Summe anzusetzen, weil wir im Parlament oder
in den sonstigen zuständigen Gremien noch nicht darüber entschieden
hätten, wie die Integrationskurse, was ihre Qualität und Ausgestaltung
betrifft, weiterentwickelt würden. Das stimmt. Aber wir haben unter
anderem im Innenausschuss sehr lange, sehr intensiv und von einem
breiten Konsens getragen über dieses Thema geredet. Ich habe jetzt
gehört, es solle aus dem Integrationsgipfel heraus eine Arbeitsgruppe
geben, die sich auch mit diesem Thema beschäftigt. Eines muss doch klar
sein: Auf die lange Bank wird man die notwendigen Veränderungen im
Bereich der Integrationskurse nicht schieben können. Wenn der
Haushaltsentwurf so bleibt, wie er jetzt eingebracht worden ist, und im
Haushaltsverfahren nicht nachgebessert wird, hieße das logischerweise,
es würde sich erst 2008 etwas ändern. Das wäre meiner Fraktion und mir
deutlich zu spät. Wir gehen davon aus, dass die notwendigen
Veränderungen, zum Beispiel längere Kurse für bestimmte Zielgruppen,
eine bessere Ausdifferenzierung, eine Ausweitung der Betreuung von
Kindern muslimischer Frauen, die an Kursen teilnehmen, eine
Intensivierung der Arbeit mit Analphabeten und die Klärung der
Vergütung der Lehrenden, so zeitig geklärt werden, dass sie bereits für
2007 haushaltsrelevant werden. Ich bitte darum, im Haushaltsausschuss
darüber zu reden, ob man nicht vorsorglich für 2007 ein bisschen mehr
Geld für diesen Bereich einstellen sollte als gegenwärtig veranschlagt.
(Beifall bei der SPD)
Teurer wird es auf jeden Fall. Ich will noch etwas zum Ausdruck
bringen, was ich sehr löblich finde, weil es deutlich macht: Auch
Bundesregierungen sind lernende Systeme. Wir hatten im Zuge der
Beratungen über den Bundeshaushalt 2006 sehr lange darüber diskutiert,
ob der Mittelansatz für die Arbeit der Bundeszentrale für politische
Bildung, der damals vorgesehen war, ausreichend ist. Ich bin froh
darüber, dass, nachdem wir im Zuge der Beratungen des Haushalts 2006
diesen Ansatz angehoben haben, genau dieser erhöhte Ansatz auch zur
Grundlage für das Jahr 2007 gemacht worden ist. Demokratie lebt davon,
vermittelt zu werden. Das muss sich neben allen anderen Aspekten der
inneren Sicherheit – ich glaube, dass die entscheidende Voraussetzung
für innere Sicherheit in Deutschland eine stabile Demokratie ist – auch
im Haushalt des Innenministeriums widerspiegeln. Lassen Sie mich
abschließend sagen: Der große Vorteil – wahrscheinlich der einzige –
daran, dass die SPD nicht mehr den Innenminister stellt, ist, dass man
als SPD-Redner nicht Angst haben muss, dass für einen am Ende keine
Redezeit mehr übrig ist. Aber ich habe meine Redezeit ohnehin
ausnahmsweise diesmal einhalten können.
(Heiterkeit)
Ich wünsche uns eine gute Beratung.
(Beifall bei der SPD und der CDU/CSU sowie bei Abgeordneten der FDP)