21.09.2006
Rede vor dem Deutschen Bundestag vom 21. September 2006
Rede anlässlich der Aktuellen Stunde auf Verlangen der Fraktion der
Linken: Rechtsextremismus wirksam bekämpfen - Konsequenzen aus dem Wahlergebnis der NPD in Mecklenburg-Vorpommern
Sebastian Edathy (SPD):Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen und
Kollegen! Nur eine kurze Anmerkung zu dem, was der Kollege Rehberg eben
vorgetragen hat. Ich bin sehr dafür – meine gesamte Fraktion ist dafür
–, dass wir uns linksextremistischen Tendenzen ebenfalls
entgegenstellen. Ich bin aber auch dafür, dass wir Probleme lösen, die
tatsächlich da sind. Das Thema Linksextremismus oder Islamismus ist in
Mecklenburg-Vorpommern bei weitem nicht so ausgeprägt, wenn es denn
überhaupt vorhanden ist, wie das Thema Rechtsextremismus.
(Beifall bei der SPD und dem BÜNDNIS 90/ DIE GRÜNEN sowie bei
Abgeordneten der LINKEN)
Es ist einfach nicht gut, wenn manche Teile des Hauses den Eindruck
erwecken, hier müssten Probleme erst konstruiert werden, um sie
anschließend lösen zu können.
(Kristina Köhler [Wiesbaden] [CDU/CSU]: Ach?)
Das Problem, das wir mit dem Thema Extremismus in Deutschland haben,
ist das Problem des Rechtsextremismus. Wir machen die Erfahrung, dass
wir in diesem Parlament oftmals anlassbezogen über
Rechtsextremismusbekämpfung und -prävention reden. Es kommt
entscheidend darauf an, dass wir uns nicht auf Rituale verbaler
Erregung beschränken, sondern dass wir zu konsequentem, handfestem
Handeln gelangen.
(Beifall bei Abgeordneten der SPD sowie der Abg. Monika Lazar [BÜNDNIS
90/DIE GRÜNEN])
Das muss auch ein Ergebnis dessen sein, was wir in den nächsten
Wochen bei der Haushaltsberatung miteinander zu besprechen haben. Das
Thema Rechtsextremismusbekämpfung ist kein Randthema, sondern eine
zentrale Herausforderung für unsere Demokratie. Rechtsextremismus in
Deutschland hat sich radikalisiert. Das klingt zunächst einmal seltsam,
aber bei den Straftaten gibt es über die letzten zehn Jahre einen
klaren Anstieg. Er hat sich professionalisiert. Das sehen wir an der
NPD. Das sehen wir an Wahlabsprachen. Das sehen wir an Bündnissen der
NPD mit dem nicht parteigebundenen Rechtsextremismus in Deutschland.
Und Rechtsextremismus in Deutschland hat sich deutlich verjüngt. Das
sehen wir zum Beispiel am Wahlverhalten derer, die 18 bis Mitte 20
sind. Sie haben ganz überdurchschnittlich NPD gewählt. Wir sehen es
aber auch bei der Mitgliedschaft dieser radikalsten
rechtsextremistischen Partei, die wir in Deutschland haben. Was heißt
das? Das heißt, die Einschätzung, dass wir es wahrscheinlich nicht mit
einem nur vorübergehenden Problem zu tun haben, ist sehr
realitätsnah.Wenn wir über das Thema Rechtsextremismus sprechen, müssen
wir wissen: Wir brauchen einen langen Atem. Wir brauchen auch
Programme, die über fünf Jahre hinausgehen. Wir brauchen einen stetigen
Ansatz. Wir müssen schließlich darauf achten, dass wir den
Rechtsextremisten in Deutschland nicht nur nicht die Straßen und
Plätze, sondern auch nicht – das muss der entscheidende Punkt sein –
die Herzen und Köpfe der Menschen überlassen, gerade und schon gar
nicht der heranwachsenden Menschen in
Deutschland.
(Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten der CDU/CSU, der LINKEN und des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN)
Was mich nicht gelassen bleiben lässt, Herr Kollege Uhl, ist, wenn
wir feststellen: Offenkundig ist es rechtsextremistischen
Organisationen in Deutschland in den letzten Jahren zunehmend gelungen,
erfolgreich – leider erfolgreich – junge Menschen anzusprechen.
Deswegen ist der entscheidende Ansatz, mit dem wir uns beschäftigen
müssen, der Ansatz der Vorbeugung, der Prävention.
Zehnmal
wichtiger, als Angebote für potenzielle Aussteiger aus der Neonaziszene
zu machen, ist es, Angebote und Vorkehrungen zu erarbeiten, die dafür
sorgen, dass junge Menschen erst gar nicht in die Szene abrutschen,
dass sie erst gar nicht einsteigen.
(Beifall bei Abgeordneten der SPD sowie der Abg. Monika Lazar [BÜNDNIS
90/DIE GRÜNEN])
In diesem Zusammenhang einige Worte zum Thema Bundesprogramm.
Zunächst zur Wirksamkeit von Präventionsprogrammen. Es ist ja wohl eine
Binsenwahrheit, dass man schlecht wird messen können, wie die
Wirksamkeit von Aufklärung über Risiken ist und wie sich ein
missbilligtes Verhalten entwickelt; das ist nicht unmittelbar
abzulesen. Aber ich möchte mir nicht vorstellen, wie es um bestimmte
Regionen unseres Landes bestellt wäre, wenn es diese Programme
nicht gegeben hätte.
(Beifall bei der SPD sowie der Abg. Dr. Gesine Lötzsch [DIE LINKE] und
der Abg. Monika Lazar [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN])
Wir müssen bei der Weiterentwicklung der Programme sicherstellen,
dass es keine zeitlichen Lücken gibt. Wir müssen sicherstellen, dass
diejenigen Initiativen, die mit professioneller Arbeit hervorragende
Ergebnisse erzielt haben – wie die Initiativen im Bereich der
Opferberatung und der mobilen Beratung –, eine sichere finanzielle
Perspektive bekommen, eine dauerhafte Finanzierung auch seitens des
Bundes. Ich würde Sie schon darum bitten, Herr Kues, noch einmal zu
prüfen, ob Antragsteller immer die Kommunen sein müssen. Ich kann mich
gut erinnern: Vor einigen Monaten war in der Ortschaft Pretzien in
Sachsen-Anhalt der Bürgermeister bei einer so genannten Sonnenwendfeier
dabei, wo das Tagebuch von Anne Frank verbrannt worden ist. Wir haben
jetzt in Mecklenburg acht Gemeinden, in denen die NPD bei der
Landtagswahl stärkste Kraft geworden ist. Wir sehen, dass in vielen
Kommunen das Problembewusstsein für das Thema Rechtsextremismus leider
nicht so ausgeprägt ist, wie es nötig wäre. Im Ziel sind wir uns einig:
möglichst eine kommunale Einbindung von Projekten, die wir durch den
Bund fördern. Aber es muss eben auch
möglich sein, dass der Bund
dort, wo es objektiv ein Problem gibt, das von der Kommunalpolitik
nicht zur Kenntnis genommen wird, eine Anreizfunktion wahrnimmt bzw.
eine Mitverantwortung übernimmt. Das würde ich mir jedenfalls dringend
wünschen.
(Beifall bei der SPD, der LINKEN und dem BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN –
Irmingard Schewe-Gerigk [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Sie könnten ja unserem Antrag zustimmen!)
Ich möchte einen weiteren Punkt ansprechen: Es reicht nicht aus,
wenn wir uns nur auf Bundesebene mit dem Thema beschäftigen. Es ist ja
schon gesagt worden: Die Länder und auch die Kommunen müssen mit ins
Boot. Das ist auch völlig klar. Mit einem Bundesprogramm können wir zum
Beispiel nicht das Schließen von Jugendzentren in vielen Regionen
kompensieren. Aber genau in solche Ortschaften gehen ja die Neonazis,
machen Angebote und bieten Ausflüge oder Konzertveranstaltungen an. Wir
brauchen – darüber bitte ich auch diese Bundesregierung einmal
nachzudenken – einen konzeptionell neuen Ansatz. Es findet jetzt auf
Einladung der Bundeskanzlerin ein Integrationsgipfel statt. Es wird auf
Einladung des Bundesinnenministers einen Islamgipfel geben. Vielleicht
könnte sich die Bundesfamilienministerin die Idee zu Eigen machen, ein
Bündnis gegen Rechtsextremismus unter Einbeziehung der staatlichen
Akteure auf allen Ebenen, aber auch der großen Organisationen und
Verbände, wie zum Beispiel der Sportvereine, zu schmieden. Ich finde es
vorbildlich, dass Schalke 04 einen Nichtvereinbarkeitsbeschluss gefasst
hat: Wer NPD-Mitglied ist, kann nicht Mitglied bei Schalke 04 sein.
Damit macht man deutlich: Rechtsextremist zu sein, ist nicht akzeptabel.
(Beifall bei der SPD, der LINKEN und dem BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)
Man könnte beispielsweise im Rahmen eines solchen Bündnisses die
Bundeszentrale für politische Bildung beauftragen, Angebote schon in
Kindergärten und Grundschulen zu machen. Das muss ja nicht heißen,
Geschichtsunterricht zu machen, sondern viel eher, demokratische
Verhaltensweisen einzuüben.Ganz zum Schluss bitte ich Sie, liebe
Kolleginnen und Kollegen: Lassen Sie uns an einem Konsens festhalten,
der hier in diesem Hause über viele Jahrzehnte getragen hat: Ja,
Rechtsextremismus in Deutschland ist real, aber nein, als normal werden
wir ihn nie betrachten.
(Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten der CDU/CSU – Beifall bei der LINKEN und dem BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)