05.12.2002
Antisemitismus ächten - Zusammenhalt stärken
Debattenbeitrag vom 27.06.2002 zur Beschlussempfehlung und zum Bericht des In-nenausschusses zu dem Antrag der Fraktionen der SPD und des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN: Antisemitismus ächten - Zusammenhalt
in Deutschland stärken(Auszug aus Plenarprotokoll 14/245).
Sebastian Edathy (SPD): Frau Präsidentin! Meine
sehr verehrten Damen und Herren! Das Thema Parlamentsreform
ist sicherlich ein Dauerthema. Vielleicht
sollte man in Zukunft auch einmal darüber nachdenken,
ob es sinnvoll ist, ein Thema wie den Antisemitismus in
Deutschland zu einer so späten Stunde im Parlament und
ausgerechnet nach einer Diskussion über die eventuelle
Verlängerung der Öffnungszeiten von Biergärten zu behandeln.
Der jüngst veröffentlichte Verfassungsschutzbericht
für das Jahr 2001 spricht, was antisemitische Straftaten
betrifft, leider eine sehr deutliche Sprache. 1 200 Straftaten
mit antisemitischem Hintergrund sind verübt worden,
darunter 70 Straftaten, die in Angriffen auf jüdische Einrichtungen
bestanden haben.
Vor zwei Jahren haben die beiden Wissenschaftler
Dietmar Sturzbecher und Ronald Freytag eine Studie vorgelegt.
Grundlage dieser Studie war die Befragung von
4 500 Jugendlichen im Alter von 14 bis 19 Jahren in Brandenburg.
Es ging um das Thema Antisemitismus. Ein Drittel
der befragten Jugendlichen in Brandenburg hat geäußert,
sich nicht vorstellen zu können, mit einer Person jüdischen
Glaubens befreundet zu sein. Das macht deutlich: Antisemitismus
findet sich nicht nur bei den Ewiggestrigen.
Der Geist der Ausgrenzung, der Geist der Abwertung,
die Stigmatisierung von Menschen sind eine ständige
Herausforderung unserer Demokratie. Sich dieser Herausforderung
zu stellen ist Aufgabe aller demokratischen
Kräfte in unserem Land.
Wo Menschen ausgegrenzt und erniedrigt werden, nimmt
die gesamte Demokratie Schaden.In unserer Verfassung ist mit gutem Grund ein Satz verankert,
der zugleich ein Auftrag ist: "Die Würde des Menschen
ist unantastbar." Wer in Menschen wegen ihrer Religionszugehörigkeit
Menschen minderen Wertes erblickt,
der verstößt gegen diesen Grundsatz. Antisemitismus ist
demokratiefeindlich. Deswegen muss für uns als Demokraten
gelten: Bei diesem Thema dürfen wir nicht zweideutig
und missverständlich, da müssen wir eindeutig und
unmissverständlich auftreten.
Dazu gehört die Feststellung: Antisemitismus kann
man nicht rechtfertigen, wie das ansatzweise unser früherer
Kollege Jürgen Möllemann getan hat. Antisemitismus
kann man nur verachten. Und vor allen Dingen: Man
muss ihn bekämpfen,
unter anderem durch Aufklärung, durch Bildungsarbeit
und durch Projekte, wie wir sie mit Bundesmitteln beispielsweise
aus dem Programm "Civitas" mit einem
Schwerpunkt in den neuen Ländern mitfinanzieren. Aber
neben Aufklärung, neben Bildungsarbeit muss die einver-
nehmliche Feststellung aller Demokraten stehen, dass wir
uns darüber im Klaren sind und dass wir Gewissheit darüber
vermitteln müssen, dass ein Zusammenleben in
Vielfalt nicht durch die Vielfalt gefährdet wird, sondern
allenfalls durch die Einfalt von Menschen. Dieser Einfalt
zu begegnen ist eine ständige Herausforderung.
In Deutschland leben 95 000 Bürgerinnen und Bürger
jüdischen Glaubens. Sie sind Teil unserer Gesellschaft, deren
Ausgrenzung wir nicht, auch nicht in Ansätzen, zulassen
dürfen. Wer hier in Berlin die Polizeiwagen vor der
Synagoge in der Oranienburger Straße sieht, dem wird drastisch
vor Augen geführt, dass das Bestehen von jüdischen
Gemeinden in Deutschland nicht so selbstverständlich ist,
wie wir uns das wünschen würden. Dass jüdische Einrichtungen
an vielen Orten in Deutschland eines solchen polizeilichen
Schutzes bedürfen, ist beschämend. Noch beschämender
wäre es freilich, wir würden uns mit diesen
Verhältnissen abfinden. Nein, das dürfen wir nicht. Wir
müssen dafür sorgen und Verantwortung dafür übernehmen,
diese Verhältnisse zum Besseren zu verändern.
Ob sich jüdische Bürgerinnen und Bürger respektiert,
sicher und frei fühlen können, ist eine Frage, an der sich
auf Dauer entscheiden wird, wie stark unsere Demokratie
ist und wie ernst wir den Verfassungsauftrag nehmen, die
Unverletzlichkeit der menschlichen Würde zu garantieren.
Liebe Kolleginnen und Kollegen, ich hätte mir gewünscht,
es wäre gelungen, zu diesem Thema einen fraktionsübergreifenden
Antrag zur Abstimmung zu stellen.
Dies ist insbesondere vor dem Hintergrund der unsäglichen
Äußerungen von Herrn Möllemann nicht gelungen.
Ich will hier, ohne unnötige Schärfe in die Debatte zu
bringen, sehr deutlich sagen,
dass mir insbesondere das Verhalten der FDP völlig unverständlich
ist, die einen Antrag vorgelegt hat, den sie Wort für Wort inklusive
der Überschrift von der Koalition abgeschrieben hat.
Liebe Kolleginnen und Kollegen von der FDP, wenn Sie
es ernst damit meinen, dass antisemitische Aussagen in
Deutschland keinen Raum bekommen dürfen, wie das in
Ihrem oder - besser gesagt - unserem Antrag steht, muss
das auch für Sie in Ihren eigenen Reihen gelten.
Dann wäre es glaubhafter, wenn Sie sich längst von Ihrem
stellvertretenden Bundesvorsitzenden getrennt hätten.
Es ist, gelinde gesagt, halbherzig, sich mit einem Antrag
im Bundestag gegen Antisemitismus auszusprechen,
aber in der eigenen Partei nicht für klare Konsequenzen in
Bezug auf ein Verhalten zu sorgen, das vom Instrumentalisieren
antisemitischer Klischees geprägt ist.
Der Umgang mit dem Thema Antisemitismus verträgt
aber keine Halbherzigkeit, sondern muss von einer Eindeutigkeit
geprägt sein, die nicht nur eine Frage der Achtung
anderer, sondern eine Frage der Selbstachtung ist.