10.02.2006
Rede vor dem Deutschen Bundestag vom 10. Februar 2006
Aktuelle Stunde auf Verlangen der Fraktion des BÜNDNISSES 90/ DIE GRÜNEN: Beitrag der deutschen Politik zur Deeskalation des Konfliktes um den Karikaturenstreit
Sebastian Edathy (SPD):
Herr Präsident! Sehr geehrte Damen und Herren! Der demokratische
Rechtsstaat – das ist hier zu Recht festgehalten worden – ist ohne das
Grundrecht auf freie Meinungsäußerung und auf Pressefreiheit nicht denkbar. Ich
füge hinzu: Er ist auch nicht denkbar ohne Glaubensfreiheit. Die im Grundgesetz
verankerten Bürgerrechte bilden die zentrale Voraussetzung der Freiheit und die
Grundlage für das Zusammenleben von Menschen unterschiedlicher Herkunft und
unterschiedlicher Überzeugungen in Deutschland. Für das Gelingen dieses
Zusammenlebens ist allerdings mehr nötig als ein bloßer gesetzlicher Rahmen. Für
das Gelingen dieses Zusammenlebens bedarf es der gemeinsamen Überzeugung,
einander nicht bewusst zu kränken, einander nicht zu diffamieren und den Glauben
eines Menschen nicht zu verunglimpfen.
(Beifall bei der SPD und der CDU/CSU sowie bei Abgeordneten
des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN)
Echte Demokratie lebt eben auch davon, dass man aus Gründen
der menschlichen Achtung und des menschlichen Anstands nicht alles tut, was man
formal tun darf. Deswegen ist hier begründet und zu Recht festgehalten worden:
Die Veröffentlichung der so genannten Mohammed-Karikaturen war ohne Zweifel
zulässig. Aber sie war zugleich respektlos, weil sie den islamischen Glauben verunglimpfte.
Die Pressefreiheit schützt selbstverständlich und ohne jeden Zweifel auch eine
nahezu pubertäre Provokationslust; ein verantwortlicher Umgang mit der
Pressefreiheit sieht jedoch anders aus, als es die dänische Zeitung an den Tag
gelegt hat. Umgekehrt gilt, dass in Reaktion auf diese Veröffentlichung auch
Proteste und Demonstrationen zulässig sind. Diese müssen sich aber zwingend im Rahmen
der geltenden Rechtsordnung bewegen. Dazu gehört, dass Gewalt, gleich welcher
Art, nicht nur nicht zu rechtfertigen, sondern auch nicht zu entschuldigen ist.
(Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten der CDU/CSU)
Im Kern geht es bei dem Thema, mit dem wir uns heute
befassen, um die Frage, wie wir statt eines Klimas der Konfrontation und der
Ausgrenzung ein Klima der Verständigung und der gegenseitigen Achtung schaffen können.
Frau Köhler, vielleicht können wir uns darauf verständigen, in künftigen
Debatten ein Stück weit im Hinterkopf zu behalten, dass es besser wäre, nicht
stets von "uns“ und "denen“ zu sprechen, sondern von "wir“, jedenfalls dann,
wenn wir über Deutschland reden.
(Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten der LINKEN und
des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN)
Ich finde es begrüßens- und bemerkenswert, dass gestern in der
in Deutschland erscheinenden türkischen Zeitung Hürriyet und in der
Bild-Zeitung ein gemeinsamer Kommentar veröffentlicht wurde, in dem es unter anderem
heißt:
Wir rufen alle auf, Respekt vor den Gefühlen des jeweils anderen
zu zeigen, Beleidigungen, Demütigungen oder Niedertracht zu vermeiden und ein wahrhaftiges
Bündnis der Kulturen aufzubauen, das auf gegenseitigem Respekt basiert. Ich
hoffe, das wird in den nächsten Tagen, Wochen und Monaten auch den Alltag in
der Zeitungslandschaft prägen.
(Beifall bei der SPD)
Genau in diese Richtung gehen auch die besonnenen
Erklärungen islamischer Verbände in Deutschland. Was sind eigentlich die
Konsequenzen für die Debatte im eigenen Land? Es wird nach meinem Dafürhalten auch
in diesem Haus gelegentlich recht leichtfertig über vermeintliche oder tatsächliche
Integrationsmängel gesprochen. Ja, es gibt solche Mängel. So stellen wir fest
um nur ein Beispiel zu nennen, dass es in unserem Land einen hohen Anteil
junger Migranten mit abgebrochener Schulausbildung gibt. Das gilt aber nicht nur für junge
Migranten islamischen Glaubens, sondern auch für viele junge Spätaussiedler. Was bedeutet das? Wir sollten
gemeinsam darauf achten, dass wir vorhandene, oftmals sozial begründete
Probleme nicht ethnisieren oder kulturalisieren, da sich das schlichtweg nicht
gehört.
(Beifall bei Abgeordneten der SPD sowie der Abg. Sevim
Dagdelen [DIE LINKE])
Um ein anderes Beispiel zu nennen: So wenig wir bei Gewalttaten
zwischen deutschen Ehepartnern den Grund für diese Gewalt in ihrem christlichen
Glauben sehen, so wenig sollten wir zunächst einmal, wenn es um Gewaltdelikte in
türkischen Familien geht, ihren Glauben, den Islam, als Ursache für diese
Gewaltdelikte betrachten. Das hilft uns bei der Problemanalyse nicht weiter.
(Beifall bei der SPD)
Achten wir gemeinsam darauf, uns nicht von Vorurteilen leiten
zu lassen, auch nicht bei Einbürgerungsverfahren. Achten wir gemeinsam darauf,
beim Missbrauch einer Religion nicht die Religion selbst ins Zwielicht zu rücken.
Herr Kollege Gerhardt, ich glaube nicht, dass sich ein gemäßigter Moslem für
den Missbrauch seiner Religion durch Islamisten zu rechtfertigen hat.
(Beifall bei Abgeordneten der SPD)
Gestern meldeten die Nachrichtenagenturen, nach
einer aktuellen
Umfrage hätten 55 Prozent der Befragten erklärt, Vorbehalte gegenüber
den in
Deutschland lebenden Muslimen zu haben. Lassen Sie uns dem gemeinsam
entgegenwirken.
Gerade die aktuelle Debatte in Deutschland unterstreicht mehr als
deutlich,
dass bei allen Defiziten die Integration von Bürgern muslimischen
Glaubens im Großen und Ganzen eine Erfolgsgeschichte ist, auf die wir
stolz sein können und stolz sein sollten.
(Beifall bei Abgeordneten der SPD)
Menschen, die den Islam zu politischen Zwecken missbrauchen,
sind in Deutschland in der klaren Minderheit. Lassen Sie mich mit einem Zitat
von Johannes Rau schließen, einem großen Menschenfreund, der vor wenigen Jahren
zu dem Thema, das uns heute beschäftigt, Folgendes völlig zutreffend ausgeführt hat:
Wir kämpfen in der ganzen Welt gemeinsam gegen Terror. Aber
wir kämpfen nicht gegen Glaubensgemeinschaften, nicht gegen Religionen und
nicht gegen Kulturen. Das zu betonen ist sehr wichtig, weil es immer wieder
Menschen gibt, die uns einreden wollen, Glaube könne die Grundlage für Hass
bilden. In Wirklichkeit aber führt gelebter Glaube zur Versöhnung, zur
Verständigung und zum Miteinanderleben. Wer seinen Glauben lebt, braucht keinen
Fundamentalismus.
Johannes Rau hat Recht.
(Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten der CDU/CSU, der
LINKEN und des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN)