30.03.2006
Rede vor dem Deutschen Bundestag vom 30. März 2006
Rede im Rahmen der Haushaltsdebatte zum Einzelplan 06 (Bundesministerium des Innern) in Verbindung mit Einzelplan 33 (Versorgung)
Sebastian Edathy (SPD):
Guten
Abend, Herr Präsident! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Wir haben es
gerade gehört: Der Bundesinnenminister hat unter anderem die wirklich
schöne Aufgabe, Sportminister zu sein. Er ist der Verfassungsminister,
er ist der Sicherheitsminister und er ist letztendlich auch – das
erkennt man, wenn man sich den Bereich der politischen Bildung und der
Integration anschaut – Demokratieminister. Eines ist klar: Nur eine
aktive Gesellschaft bewusster Demokratinnen und Demokraten kann die
Grundlage für ein wirklich sicheres und freies Land bilden.
(Beifall bei der SPD)
Deswegen
will ich etwas zu diesem Bereich ausführen. Ich bin sehr dankbar, dass
ich nicht der erste Redner bin, der darauf hinweist, dass wir, was den
Haushaltsentwurf anbelangt, parlamentarischen Handlungsbedarf beim
Bereich der Bundeszentrale für politische Bildung sehen. Wir als neue
Koalition haben – ich finde: völlig zu Recht – in unser
Arbeitsprogramm, in den Koalitionsvertrag, wörtlich hineingeschrieben:
"Wir werden deshalb die politische Bildung stärken.“ Wir sollten uns
ein halbes Jahr nach Verabschiedung dieses Koalitionsvertrages nicht
selber dementieren, indem wir die Mittel, die der Bundeszentrale für
politische Bildung zur Verfügung gestellt werden, um annähernd 30
Prozent kürzen. Das geht nicht an. Jeder, der sich über geringe
Wahlbeteiligungen an Landtagswahlen oder über zu wenig Aufklärung über
politischen Extremismus beklagt, der muss die Bundeszentrale für
politische Bildung als wichtige demokratische Agentur in diesem Land in
die Lage versetzen, Angebote zu machen.
(Beifall bei der SPD und dem BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)
Umso
weniger verständlich ist es für mich, dass im Haushaltsentwurf zur
Erläuterung steht: "Weniger wegen Umsetzung Koalitionsvereinbarung“.
Ich habe die Koalitionsvereinbarung anders verstanden und gehe davon
aus, dass bis zur zweiten und dritten Lesung eine Aufstockung der
Mittel erfolgt, dass jedenfalls diese Kürzung nicht in Kraft tritt.
Damit wir eine ähnliche Debatte nicht jedes Jahr erneut führen müssen,
rate ich übrigens, die mittelfristige Finanzplanung zu überprüfen, was
die Arbeit der Bundeszentrale für politische Bildung anbelangt.
(Fritz Rudolf Körper [SPD]: Das ist richtig!)
Ich
glaube, dass die Sätze, die dort für die nächsten Jahre vorgesehen
sind, im Einvernehmen mit dem Bundesfinanzminister – ich denke, er hat
für diese Thematik viel Verständnis – erhöht werden sollten.
(Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN)
Lassen
Sie mich einige Anmerkungen zur Frage der Integrationskurse machen. Die
Sprach- und die damit verbundenen gesellschaftlichen Orientierungskurse
sind nach meinem Dafürhalten das Herzstück des im Jahre 2005 in Kraft
getretenen Integrations- und Zuwanderungsgesetzes. Wir können zwar
feststellen – das ist richtig –, dass die Mittel im Jahre 2005 nicht in
der zuvor prognostizierten Höhe abgerufen worden sind; aber ich glaube
sehr wohl – dazu wird hoffentlich auch eine Sitzung des
Innenausschusses am 5. April dieses Jahres beitragen –, dass wir uns
auf Fachebene noch einmal intensiv darüber informieren lassen müssen,
was die Konstruktion der Kurse betrifft und was Anspruchsberechtigte
anbelangt, die im letzten Jahr nicht zum Zuge gekommen sind. Wir müssen
sicherstellen, dass wir am Ende der Haushaltsberatungen sagen können:
Integrationsmaßnahmen richten sich nicht nach den Haushaltsansätzen,
sondern umgekehrt wird ein Schuh daraus: Wir tun das, was für
Integration nötig ist, und danach wird der Haushaltsansatz berechnet.
(Beifall bei der SPD und dem BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)
Es
ist schon auffällig, wenn man bei den Integrationskursen feststellt –
ich darf noch einen Augenblick bei diesem Thema bleiben –, dass 30
Prozent der Teilnehmer die abschließende Prüfung nicht erfolgreich
bewältigen. Wir werden darüber zu reden haben: Reichen die 630 Stunden
oder muss es eine Aufstockung geben? Sind die Kurse hinreichend
differenziert, zum Beispiel was spezielle Kurse für jugendliche
Sprachkursteilnehmer anbelangt? Wir werden auch darüber zu reden haben,
ob die Vergütung angemessen ist. Bei einer Vergütung von 2,05 Euro pro
Teilnehmer – so sind die Rückmeldungen aus der Praxis – haben
Integrationskurse selten weniger als 25 Teilnehmer.
(Silke Stokar von Neuforn [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Wir brauchen mehr Qualität!)
Aufgrund
der unterschiedlichen Voraussetzungen derer, die an den Kursen
teilnehmen, habe ich große Bedenken, ob derartig große Kurse überhaupt
einen positiven Abschluss versprechen können.
(Zustimmung der Abg. Silke Stokar von Neuforn [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN])
Unser
Ziel muss sein, dass am Ende eines Integrationskurses auch tatsächlich
Sprachkenntnisse vermittelt worden sind, die Menschen ein
Erfolgserlebnis haben und nicht mit der Nachricht nach Hause gehen: Ihr
habt nicht genug gelernt; vielleicht lag das daran, dass ihr nicht
genug lernen konntet; aber die gesetzlichen Voraussetzungen sind so. –
Wir müssen darüber reden, ob wir da etwas verändern wollen.
(Beifall bei der SPD und dem BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie des Abg. Dr. Ilja Seifert [DIE LINKE])
Liebe
Kolleginnen und Kollegen, zur Debatte über Integrationsfragen gehört
sicherlich auch die öffentliche Diskussion, die in den letzten Wochen
zum Thema Einbürgerung geführt worden ist; sie ist auch vom Kollegen
Uhl angesprochen worden. Als Mitglied der Koalition freue ich mich
immer, wenn ich Gelegenheit habe, den Koalitionspartner zu loben. Ich
lobe ausdrücklich den Integrationsminister des Landes
Nordrhein-Westfalen. Ich finde es übrigens gut, dass es dort ein
Integrationsministerium gibt. Das ist vielleicht etwas, über das auch
in anderen Bundesländern nachgedacht werden könnte.
(Beifall bei Abgeordneten der SPD und der LINKEN)
Ich
finde gut, was der NRW-Integrationsminister und frühere
Bundestagskollege der CDU, Armin Laschet, heute in einem
"Stern“-Interview gesagt hat.
(Silke Stokar von Neuforn [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Bemerkenswert!)
Er
hat wörtlich ausgeführt: Aber die Fragebogendebatte ist falsch, weil
sie den Eindruck erweckt, wir hätten zu viele Einbürgerungen. Das
Problem ist: Wir haben zu wenig.
(Beifall bei der SPD und dem BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)
Wir
haben zu wenig Einbürgerungen, meine Damen und Herren! Vielleicht
könnten wir aus sportpolitischer deutscher Sicht mit ein bisschen mehr
Zuversicht auf die Fußballweltmeisterschaft blicken, wenn es uns
gelungen wäre, auch junge, in Deutschland geborene, aber ausländische
Fußballspieler zu gewinnen, zum Beispiel Nuri Sahin.
(Fritz Rudolf Körper [SPD]: Super Mann!)
Er
ist ein Riesentalent, in Deutschland geboren, türkischer Staatsbürger.
Er spielt bei Borussia Dortmund. Er ist jetzt auf dem Weg in die
Türkei, um dort sein erstes Spiel für die Nationalmannschaft der Türkei
zu bestreiten. Warum haben wir den eigentlich nicht für uns gewonnen?
Warum ist es diesem Land nicht gelungen, mehr Menschen anzusprechen,
nicht nur Staatsbewohner, sondern auch Staatsbürger zu sein? Das ist
übrigens etwas, das nicht allein im Interesse derer ist, die da
eingebürgert werden. Da ist ein wirklicher Knackpunkt und ist eine
Schieflage in der Debatte. Wenn Einbürgerungen vorgenommen werden, so
entspricht das nicht einem Gnadenakt.
(Beifall bei der SPD und dem BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)
Vielmehr
erfolgen Einbürgerungen im Interesse der aufnehmenden Gesellschaft,
weil es für eine funktionierende Demokratie auf Dauer nicht gut ist,
wenn sich die langfristig im Inland ansässige Wohnbevölkerung in die
Gruppe der Staatsbürger und die Gruppe derer aufteilt, die Gästestatus
haben.
(Silke Stokar von Neuforn [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Richtig!)
Wir brauchen da eine Politik der ausgestreckten Hand und nicht eine Politik der geballten Faust.
(Beifall bei der SPD und dem BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN – Dr. Hans-Peter Uhl [CDU/CSU]: Aber nicht der Zwangsgermanisierung!)
Selbstverständlich
gilt, dass für die Einbürgerungen Voraussetzungen zu erfüllen sind. Die
haben wir unter rot-grüner Regierungsverantwortung übrigens ein Stück
weit erhöht, was etwa den Nachweis von Sprachkenntnissen anbelangt.
Wenn man sich anschaut, wie hoch die Hürden bereits sind, dann muss man
sagen: Die Tatsache, dass die Einbürgerungszahlen im Gegensatz zu dem,
was landläufig unterstellt wird, rückläufig sind, hat auch etwas damit
zu tun, dass die Ausgestaltung des Staatsbürgerschaftsrechts
tatsächlich so ist, dass denen, die sich einbürgern lassen wollen,
einiges abverlangt wird. Was wir nach meinem Dafürhalten aber nicht
abverlangen können, ist ein Gesinnungstest, der zudem von der Anlage
her noch diskriminierend ist. Was in Baden-Württemberg vorgelegt worden
ist, ist problematisch, weil zur Überprüfung von Verfassungstreue gegen
den Geist der Verfassung Fragen gestellt werden sollten. Wir brauchen
auch nicht die Annahme, dass man in Deutschland Abitur haben muss, um
deutscher Staatsbürger werden zu können.
(Beifall bei der SPD und dem BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie des Abg. Dr. Ilja Seifert [DIE LINKE])
Eine
türkische Bürgerin, die sich lange in Deutschland aufhält, sich um ihre
Familie kümmert, einer Berufstätigkeit nachgeht, die deutsche Sprache
beherrscht und sich nicht strafbar gemacht hat, muss uns in Deutschland
auch dann als Mitbürgerin herzlich willkommen sein, wenn sie nicht drei
deutsche Philosophen mit Namen kennt.
(Beifall bei der SPD, der
FDP, der LINKEN und dem BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten
der CDU/CSU – Dr. Uwe Küster [SPD]: Wir sind doch nicht bei "Wetten,
dass …?“!)
Ich bin jedenfalls der Überzeugung, dass das so ist.
Liebe Kolleginnen und Kollegen, wir brauchen keine Misstrauenskultur
gegenüber Ausländerinnen und Ausländern, sondern eine Politik, die
aufgeschlossen ist unter der Definition von gemeinsamen Grundlagen.
Herr Kollege Uhl sagte, manche Großstädte seien davor, zu kippen, weil
der Anteil von Bürgerinnen und Bürgern mit Migrationshintergrund dort
sehr groß werde. Das ist eine Debatte, die in den USA niemand führen
würde, weil man in den USA vor Augen hat, dass ein Zuwanderer ein
potenzieller Mitbürger ist.
(Dr. Hans-Peter Uhl [CDU/CSU]: Waren Sie schon mal da?)
Wenn
wir nach über 30, 40 Jahren immer noch davon ausgehen, dass
Zugewanderte eigentlich Fremde geblieben sind, und sie in der
Abgrenzung, die es hier oder dort noch gibt, vielleicht sogar noch
bestätigen und bestärken, dann machen wir einen Fehler. Aber, Herr
Kollege Uhl, wir sind ja noch jung in der Koalition. Lebenslanges
Lernen ist ein wichtiges Politikziel. Ich glaube, dass wir da noch
einen langen Weg vor uns haben.
(Beifall bei der SPD, der FDP und dem BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)
Viele
Punkte sind angesprochen worden: Wir brauchen eine humanitäre
Bleiberechtsregelung und ein wirksames Antidiskriminierungsgesetz. Ich
will mit einem Zitat aus dem Koalitionsvertrag schließen, das
Richtlinie für uns alle hier im Parlament sein könnte. Es heißt im
Koalitionsvertrag: Die Förderung von Toleranz, die Achtung der Rechte
von Minderheiten und die Selbstbestimmung der Menschen sind Leitziele
unserer Politik. Wir gestalten Einwanderung, schützen Flüchtlinge und
fördern Integration.
(Ulla Jelpke [DIE LINKE]: Dann müsst ihr aber noch viel tun!)
Es ist viel zu tun.
(Beifall bei der SPD – Silke Stokar von Neuforn [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Null
Beifall bei der CDU/CSU! Das war ja eine rotgrüne Rede! – Gegenruf der
Abg. Beatrix Philipp [CDU/CSU]: Das war eine Rede aus dem letzten Jahr!)