15.03.2006
Rede vor dem Deutschen Bundestag vom 15. März 2006
Aktuelle Stunde auf Verlangen der Fraktion des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN: Kein Zurückweichen vor Rechtsextremismus - Bundespolitische Konsequenzen vor dem Hintergrund aktueller Ereignisse in Sachsen-Anhalt und Brandenburg.
Sebastian Edathy (SPD):
Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Frau Kollegin Köhler, ich glaube, es ist eher zweitrangig, ob
der
Landrat des Kreises Halberstadt ein Konzert abgesagt oder dem
Stattfinden eines Konzertes nicht zugestimmt hat.
(Kristina Köhler [Wiesbaden] [CDU/CSU]: An einer Schule
abgesagt, nicht komplett!)
Wir sagen den Bürgerinnen und Bürgern zu Recht,seid
mutig und zeigt
Zivilcourage gegen Rechtsextremismus. Ich finde, das eigentliche
Problem ist: Wenn wir das glaubwürdig sagen wollen, dann
müssen wir von
den öffentlichen Repräsentanten unseres Staates
zugleich erwarten
können, dass sie mit Mut und als Vorbildvorangehen. Das ist
der
entscheidende Punkt.
(Beifall bei der SPD und dem BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN
– Kristina Köhler
[Wiesbaden] [CDU/CSU]: Deshalb hat er ja auch geholfen, einen anderen
Veranstaltungsort zu finden! Das wurde sogar gestattet!)
Es kann nicht sein – und zwar nirgendwo in unserer Republik
–, dass
Rechtsextremisten darüber entscheiden, welche kulturellen
oder
sonstigen Veranstaltungen stattfinden oder nicht stattfinden. Das ist
der entscheidende Punkt.
(Beifall im ganzen Hause – Manfred Grund [CDU/CSU]: Darum
geht es in Halberstadt aber nicht!)
Wenn wir uns diesem Thema und auch der Frage widmen – sie ist
hier
angesprochen worden –, wie es mit den Programmen des Bundes
gegen
Rechtsextremismus eigentlich weitergeht
(Manfred Grund [CDU/CSU]: Jetzt sind wir wieder beim Geld!)
und was wir tun können, um den Menschen vor Ort
Unterstützung zukommen
zu lassen, dann bin ich sehr dafür, dass wir nicht
ideologisch
argumentieren. Herr Landesminister, ich weiß nicht, ob Sie
mit
Islamisten in Sachsen-Anhalt dieselben Probleme wie mit
Rechtsextremisten haben. Aufgrund der Zahlen, die ich kenne, bezweifle
ich das zumindest.
(Cornelia Pieper [FDP]: Das stimmt!)
Wir schauen uns die Fakten an und sagen, dass das Konsequenzen haben
muss. Diese sind eindeutig. Im Jahre 2004 gab es 14 000 Straftaten mit
einem extremistischen Hintergrund. Die Zahlen für 2005 liegen
noch
nicht vor. 12 000 dieser 14 000 Straftaten gehen auf das Konto von
Rechtsextremisten.
(Claudia Roth [Augsburg] [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]:
Ja!)
10 000 gewaltbereite Rechtsextremisten gibt es in Deutschland. Die
Hälfte davon lebt in den neuen Bundesländern, was
übrigens gravierende
Folgen hat. In Sachsen-Anhalt beispielsweise kommen auf 100 000
Einwohner drei gewalttätige Übergriffe mit einem
rechtsextremistischen
Hintergrund. Im Schnitt der alten Bundesländer ist es eine
Gewalttat.
Auch das ist zu viel und auch das ist schlimm.
(Claudia Roth [Augsburg] [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Ja,
das ist eine zu
viel! – Cornelia Pieper [FDP]: Immer die Ossis! –
Gegenruf der Abg.
Iris Gleicke [SPD]: Frau Pieper, das hat doch damit nichts zu tun! Wir
müssen doch verdammt noch mal zur Kenntnis nehmen, dass wir
ein Problem
haben!) –
Frau Kollegin Pieper, ich habe gerade von Ihnen gehört: "Immer
die
Ossis“. Rechtsextremismus ist ohne Zweifel ein
gesamtdeutsches Problem.
Man wird der Herausforderung, die damit verbunden ist, aber nicht
gerecht, wenn man nicht auch zur Kenntnis nimmt, dass dieses Problem
regional sehr unterschiedliche Ausprägungen hat.
(Beifall bei der SPD und dem BÜNDNIS 90/ DIE GRÜNEN
sowie bei Abgeordneten der CDU/CSU und der LINKEN)
Das muss für uns und auch für das Bundesengagement
gegen Rechtsextremismus Folgen haben.
(Cornelia Pieper [FDP]: Richtig!)
Ich begrüße es, dass das Land Sachsen-Anhalt in den
letzten Jahren
stärker als zu Beginn der Wahlperiode des Landestages bereit
war,
solche Projekte kozufinanzieren, die wir aus dem Bundeshaushalt
unterstützen. Ich finde, wir haben bei den Bundesprogrammen
und
insbesondere bei der Unterstützung kultureller
Aktivitäten zu Recht
einen Schwerpunkt auf die neuen Bundesländer gelegt. 2004 hat
es 140
Konzertveranstaltungen von Rechtsextremisten gegeben – auch
das ist
eine interessante Zahl –; 80 davon fanden in den neuen
Bundesländern
statt. Ich glaube, in diesen Zusammenhang bettet sich auch der
aktuelle
Anlass für die heutige Debatte ein, in der wir über
Halberstadt
sprechen. Ich denke, wir haben nicht zu viele Veranstaltungen und zu
viele Aktivitäten gegen Rechtsextremismus, sondern leider
immer noch
nicht genug. Alle, die in diesem Bereich tätig sind, verdienen
unser
aller Unterstützung.
(Beifall bei der SPD und dem BÜNDNIS 90/ DIE GRÜNEN
sowie bei Abgeordneten der CDU/CSU und der LINKEN)
Das ist auch der Grund, weshalb wir nach meinem Dafürhalten in
den
Haushaltsberatungen sehr stark Acht darauf geben müssen, dass
wir hier
zu einer Verstetigungdes Mitteleinsatzes kommen.
(Cornelia Pieper [FDP]: Richtig! – Dirk Niebel [FDP]: Sagen
Sie das mal Herrn Steinbrück!)
Wenn wir uns mit diesem Thema beschäftigen, dann brauchen wir
nicht
Kleinmut und Kurzatmigkeit, sondern dann brauchen wir eine
Verstetigung
des Bundesengagements und einen langen Atem.
(Iris Gleicke [SPD]: Allerdings!)
Das gilt übrigens auch – das will ich deutlich sagen
– für das Thema politische Bildung.
(Beifall der Abg. Kerstin Griese [SPD])
Ich halte es für hochproblematisch, wenn im Entwurf des
Bundeshaushaltes für 2006 vorgesehen ist, die Mittel
für die
Bundeszentrale für politische Bildung um 20 Prozent
abzusenken. Wir
brauchen nicht weniger politische Bildung, sondern mehr politische
Bildung.
(Beifall bei der SPD, der FDP und dem BÜNDNIS 90/DIE
GRÜNEN)
Ich glaube, dass das Parlament sein ureigenstes Recht selbstbewusst
wahrnehmen sollte, um eine Änderung der Regierungsvorlage zu
erreichen.
Das Haushaltsrecht ist eines unserer vornehmsten Privilegien. Im
Interesse der Stärkung der Demokratie in diesem Land, die
ständig
bedroht und verletzbar ist, sollten wir es an dieser Stelle weidlich
ausüben. Das gilt auch für die Frage, wie wir mit
Menschen und ihren
Projekten und Initiativen umgehen, die sich in diesem Bereich
engagieren. Es ist zweifelhaft, was in Halbe vor wenigen Tagen
passiert
ist. Dort sind Demonstrationsteilnehmer eines gewerkschaftlich
organisierten Protestes gegen einen Neonaziaufmarsch in
übertriebener
Weise kontrolliert worden. Auch halte ich es für
fragwürdig, was aus
dem Raum Stuttgart zu hören ist. Dort werden Nazigegner, die
mit
Plaketten mit einem durchgestrichenen Hakenkreuz auf den
Straßen
unterwegs waren, wegen Verwendung eines verfassungsfeindlichen Symbols
angeklagt. Wir dürfen nicht die Gegner von Neonazismus
stigmatisieren
und sie auf dieselbe Stufe mit denjenigen stellen, gegen die sie sich
wenden. Sie brauchen unsere Unterstützung – in
Halberstadt, aber auch
überall anderswo. Lassen Sie uns in diesem Sinne in die
Haushaltsberatungen gehen! Rechtsextremismus ist eine Bedrohung der
Demokratie. Wir sind gehalten, uns ihm entgegenzustellen.
(Beifall bei der SPD und dem BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN
sowie bei Abgeordneten der CDU/CSU und der LINKEN)