30.07.2006
Brief aus Berlin, Juli 2006
Romani Rose versucht, aufkommende Tränen zu unterdrücken. „Man darf das nicht vergessen, und es darf nie wieder geschehen“, sagt er mit brüchiger Stimme. Ich stehe mit dem Vorsitzenden des Zentralrats deutscher Sinti und Roma in einer Ausstellung in Heidelberg. Dokumentiert wird die Verfolgung von Menschen im Nationalsozialismus, die von den damaligen Machthabern als „Zigeuner“ diffamiert und zu Freiwild erklärt wurden.
Auf einer der Fototafeln wird das Schicksal von Roses Großeltern geschildert. Sie waren Kinobetreiber in Süddeutschland. Sie wurden in Auschwitz ermordet. Ich schaue auf die Tafel: Ein Foto, auf dem ein deutsches Ehepaar zu sehen ist, eine Aufnahme fürs Familienalbum im Sonntagsstaat. Dann ein Behördenschreiben, das dem Ehepaar Rose den Betrieb ihres Kinos verbietet. Und schließlich ein Auszug aus dem Todes-Register des Vernichtungslagers Auschwitz.
Es gibt Momente, in denen man zunächst nicht weiß, wie man sich verhalten soll. Weil jede Reaktion unangemessen sein könnte, entweder zu stark oder zu schwach. Etwas sagen? Warum? Es wurde gesagt, was zu sagen war. Ich habe zudem einen Kloß im Hals. Auf den Boden schauen? Eine Verlängerung der bestehenden Verlegenheit. Den Arm auf die Schulter des Gegenübers legen? Ein Verhalten unter Freunden, aber ich kenne Rose kaum, jedenfalls nicht gut genug. Es wäre eine unechte Geste. Ich entscheide mich dafür, Romani Rose in die Augen zu schauen und zu nicken. Er versteht meine Reaktion richtig.
Später, in seinem Büro, reden wir. Ich sage: 61 Jahre nach Ende der menschenverachtenden Diktatur in Deutschland gibt es kaum noch Bürger in Deutschland, die persönliche Schuld tragen an dem, was damals geschehen ist. Aber alle von uns haben die Verantwortung dafür, dass Menschenfeindlichkeit keine Chance mehr hat und die Demokratie gewahrt wird. Den Respekt vor der menschlichen Würde jedes Einzelnen zu achten, sei die Triebfeder meiner Arbeit.
Das zu sagen, war einer der Gründe dafür, warum mich einer meiner ersten Besuchstermine im neuen Amt als Vorsitzender des Innenausschusses des Bundestages nach Heidelberg geführt hat, zum Sitz des Zentralrats deutscher Sinti und Roma.
Wir verabschieden uns herzlich.
In meinem Berliner Büro stapeln sich unterdessen Zuschriften aus der ganzen Republik. Bezug genommen wird auf meine Äußerungen in mehreren Medien, dass Rechtsextremismus eine zentrale Herausforderung für unsere Demokratie ist und oft ein erschreckend junges Gesicht hat. Neben viel Zuspruch gibt es auch Hassbriefe. „Wasch Dir vor dem nächsten Fernseh-Auftritt Dein dreckiges Ausländer-Gesicht“, bekomme ich zu lesen. „Dich dürfte es überhaupt nicht geben“, heißt es in einem anderen Schreiben. Mein Vater ist gebürtiger Inder, meine Mutter kommt aus Mecklenburg, und ich bin in Hannover geboren – mit einer dunkleren Haut als andere Deutsche. Je mehr ich bundespolitisch tätig werde, desto mehr Rassisten schreiben mir. Teils mit echtem Namen und echter Adresse. Was für die Erstattung von Strafanzeigen wegen Beleidigung hilfreich ist.
„Wahrscheinlich“, heißt es in einem der rassistischen Schmähbriefe, „wird Sie meine Zuschrift sogar ermutigen, weiterzumachen“. Ja klar, Du Arschloch, habe ich mir gedacht. Zusammen mit den vielen, vielen anderen Deutschen, die eines sehr gut wissen: Man muss nicht vor Vielfalt, sondern vor Einfalt Angst haben. Und die Demokratie ist nur so stark wie die Demokraten. Und die sind stark. Und die große Mehrheit. Gleichwohl gilt: Demokratie ist nicht vererbbar, sondern sie muss erlernt und erlebt werden. Von jeder Generation auf Neue. Es kann es nicht hingenommen werden, dass Rechtsextremisten ungehindert handeln und insbesondere Heranwachsende für ihre anti-demokratischen Ziele zu gewinnen versuchen.
Ich erinnere mich beim Lesen von rechtsradikalen Briefen neuerdings öfter an das Foto der Großeltern von Romani Rose. Wo verläuft die Grenze zwischen Diskriminierung, Ausgrenzung, Verächtlichmachung und Verfolgung? Sie ist vermutlich fließend. Wir Demokraten sollten, nein, wir müssen wachsam sein. Nicht in erster Linie der deutschen Geschichte wegen. Sondern um unserer Selbstachtung willen. Keine Chance der Unmenschlichkeit!