30.11.2006
Brief aus Berlin
Nehmen wir mal an, Ihr Urgroßvater hat den demokratischen Staat, in dem Sie leben, gegründet und lange regiert. Ihre Großmutter hat das Land ebenfalls regiert - bis sie ermordet wurde. Gleiches gilt für Ihren Vater, der einem Attentat erliegt, als Sie 20 Jahre alt waren.
Alle drei sind Legende, Ihr Urgroßvater sogar nahezu ein Mythos.
Inzwischen sind Sie 36, und Ihre Mutter ist der mächtigste Mensch im Land. Sie hat den Regierungschef ins Amt gebracht, ist Vorsitzende der wichtigsten Partei und im Parlament Sprecherin der Regierungskoalition.
Mit Verlaub, aber die Wahrscheinlichkeit, dass Sie eine psychisch stabile Person wären, ist mutmaßlich nicht eben groß.
Freilich gibt es auf diesem Planeten nur einen Menschen, für den der geschilderte Familienhintergrund Realität ist: Rahul Gandhi. Urenkel des indischen Freiheitskämpfers und Regierungschefs Jawarhalal Nehru, Enkel der Ex-Premierministerin Indira Gandhi, Sohn des früheren Premierministers Rajiv Gandhi und von Sonia Gandhi, die freiwillig auf das Amt der Premierministerin verzichtet hat, gleichwohl aber alle wichtigen politischen Fäden im Land in der Hand hält.

Gandhi junior ist seit zwei Jahren Mitglied des indischen Parlaments. Er trägt in dritter Generation den von seiner Familie angenommenen Namen eines der engsten Freunde und Weggefährten seines Urgroßvaters, den Namen Mahatma Gandhis.
Wenn Rahul Gandhi sein ziemlich bescheidenes Haus im Zentrum der indischen Hauptstadt New Delhi verlassen und auf die Straße gehen würde, würde der Verkehr zusammenbrechen. Wenn er bei Kundgebungen seiner Partei, dem aus der indischen Unabhängigkeitsbewegung hervorgegangenen "Indian National Congress“, auftritt, versammeln sich Zehntausende.
"Herr Gandhi kann mit Ihnen nicht Essen gehen“, hat mir sein Büroleiter am Telefon mitgeteilt, als ich im November eine Indienreise als der für deutsch-indische Kontakte zuständige Bundestagsabgeordnete plante und um ein Gespräch mit Rahul Gandhi bat. Schade, denke ich für einen Moment, es war aber einen Versuch wert. Kurze Pause am Telefon. Dann: "Er würde gerne, aber es geht aus Sicherheitsgründen nicht, deshalb lädt er Sie zu sich nach Hause ein.“
Wir sitzen dann, am 16. November, lange zusammen in seinem nicht sonderlich großen Wohnzimmer, viel länger als geplant. Und am Ende bin ich es, der wegen anschließender Termine im indischen Außenministerium auf den Abschluss eines überaus interessanten Gespräches drängen muss. Und ich erfahre erst Tage später, dass ich einer der ersten ausländischen Parlamentarier war, die ihn treffen durften. Er, indischer Abgeordneter mit einer in Italien geborenen Mutter, war interessiert, einen nur um ein Jahr älteren deutschen Bundestagsabgeordneten zu treffen, der einen in Indien geborenen Vater hat.
Es war ein gutes Gespräch mit einem hervorragend informierten, aufgeschlossenen Gesprächspartner. Mit einem, der so viele Fragen zur politischen Situation in Deutschland und zur Entwicklung Europas hatte, dass ich meine eigenen Fragen nicht vollständig stellen konnte. Eine Begegnung mit einem bemerkenswerten, unkomplizierten Menschen, dem man die familienbiographische Bürde, die er ohne Zweifel tragen muss, nicht einmal ansatzweise anmerkt. Der Austausch klappt gut, die Stimmung ist gelöst bis heiter. Ich bin überrascht und, ja, auch durchaus beeindruckt.
Indien, die bevölkerungsreichste Demokratie der Welt, als solche 1947 mit der Unabhängigkeit von der Kolonialmacht Großbritannien gegründet, wurde in 37 der seither vergangenen 59 Jahre von Mitgliedern der Gandhi-Familie regiert.
Es kann gut sein, dass Rahul Gandhi einmal indischer Regierungschef wird. Viele Zeitzeugen, darunter nicht zuletzt viele ausländische Beobachter, sind davon ziemlich überzeugt. Würde man darauf wetten, wäre die Gewinnquote recht mager.
Ich selber habe Skepsis gegenüber dem Denken in Dynastien, es ist demokratischen Systemen im Grunde wesensfremd.
Ein schlechter Regierungschef wäre Gandhi, vielleicht in zehn Jahren, wie spekuliert wird, aber vermutlich nicht.
Wir haben verabredet, in Kontakt zu bleiben. Und vor wenigen Tagen erreichte mich ein Brief seiner Mutter: Im Januar werde in New Delhi an die Erreichung der Unabhängigkeit Indiens durch das Wirken Mahatma Gandhis und Jawarhalal Nehrus erinnert, die Kongress-Partei veranstalte aus diesem Grund eine Konferenz. Ob ich nicht kommen und teilnehmen könne. Sie würde sich darüber freuen.
Werde ich wohl machen.
Ich höre von indischen Journalisten, die Konferenz solle nicht zuletzt dazu dienen, Rahul Gandhi die Möglichkeit zu geben, sich als politische Nachwuchshoffnung weiter zu profilieren. Unser Land kann gute Freunde gebrauchen.
Bei der Zusammenarbeit bei der Reform des UNO-Sicherheitsrates arbeiten Deutschland und Indien seit Jahren eng zusammen. Das deutsch-indische Handelsvolumen verzeichnet enorme Zuwächse, die Kooperation im Bereich von Wissenschaft und Forschung wird im beiderseitigen Interesse zunehmend intensiver. Ich bin überzeugt: Indien wird auf lange Sicht in Asien für uns wichtiger werden, als es China heute ist. Nicht zuletzt, weil es sich um eine Demokratie mit ungleich mehr innerer Stabilität handelt.
Ich werde also Rahul Gandhi bald wiedersehen. Und darüber freue ich mich. Und vielleicht kann ich dann ja noch einige meiner Fragen stellen. Zum Beispiel die, wie das ist, wenn man Abgeordneter ist und die eigene Mutter ist Fraktionsvorsitzende. Nicht ganz einfach, vermutlich.
Sebastian Edathy, MdB