11.10.2002
Sandkasten-Schatten aus der Vergangenheit
Wer wissen möchte, was aus den Ex-Mitschülern wurde, sollte erfolgreich für den Bundestag kandidieren
Haben Sie sich schon einmal gefragt, was die nette Ex-Mitschülerin aus der achten Klasse wohl heute tun mag? Oder was aus dem fiesen Nachbarskind wurde, das Ihnen die Murmeln zu klauen pflegte? -Ein Hausmeister, ein Makler?
Falls Sie die Kosten eines Privatdetektivs scheuen sollten: Kandidieren Sie einfach mit Erfolg für den Bundestag.
Aus dem Schatten Ihrer Vergangenheit werden in diesem Fall Menschen an Sie herantreten, an die Sie (ob mit Wehmut oder Unbehagen) schon lange nicht mehr gedacht haben.
Nicht, dass Sandkasten-Bekanntschaften vorstellig würden - man hat damals ja in der Regel nicht einmal den eigenen Nachnamen gekannt. Aber mit Anrufen randständiger Zeitzeugen der eigenen Vorpubertät sollten Sie mindestens rechnen.
Und auch die schon seinerzeit eher langweilige Mit-Abiturientin kann sich als hartnäckige Bürgerin erweisen, die wiederholt darauf. drängt, Sie im VierAugen-Gespräch persönlich darüber zu informieren, dass sie mittlerweile die Kopien-Ablage in einer Bank überwacht und eine Eigentumswohnung erworben hat, was nicht zuletzt "Mutti" (Zitat) stolz mache.
Das gegenüber Politikern bisweilen geäußerte Vorurteil, sie hörten den Menschen nicht zu, weise ich persönlich zurück. Wir haben eher ein anderes Problem: Wir sind zu zögerlich, wenn es darum geht, mit Menschen Klartext zu sprechen, die unsere Zeit missbrauchen. Und das tun wir in der Regel deshalb nicht, weil uns das Unterbrechen von Schwafelei nicht selten als Abgehobenheit oder Arroganz ausgelegt wird. Dabei nehmen belanglose Unterredungen oft Zeit weg, die für die Befassung mit Sachproblemen sinnvoller verbracht werden kann.
Ich habe vor mittlerweile über zehn Jahren meinen politischen Weg mit der Arbeit für eine niedersächsische Landtagsabgeordnete begonnen, der ich für mehr als einen guten Rat dankbar bin. Einer davon war, sehr genau darauf zu achten, ob Gesagtes und Getanes der Person oder dem Amt gelten. Kurz: Ist man als Mensch oder als Mandatsträger gemeint, wenn man angesprochen wird?
Mir bei Äusserungen, die ich zu hören oder lesen bekomme egal ob überschwänglicher oder abwertender Art - diese Frage zu stellen, ist hilfreich. Es bewahrt mich in vielen Fällen vor zwei Dingen: Unter überzogener Kritik zu leiden und aufgrund übertriebener Wertschätzung abzuheben. Und es macht Situationen erträglich, in denen man eher Opfer eines Gesprächsbedürfnisses denn echter Gesprächspartner ist.
Ans Herz gehen mir andere Dinge. So stand ich vor kurzer Zeit im Landkreis Nienburg zufällig vor dem Haus, in dem ich zusammen mit meinen Eltern als Jugendlicher lebte. Mein Vater war dort - im Ort Steyerberg - in den 80er Jahren für geraume Zeit Gemeindepfarrer. Neben dem Pfarrhaus befindet sich heute ein Kindergarten, den ich gemeinsam mit dem Kinderbeauftragten des Bundestages besuchen wollte. Ich war früher als verabredet vor Ort und nutzte die verbleibende Zeit für einen Spaziergang, der mich vor eben das Gebäude führte, in dem ich bis zu meinem 18. Lebensjahr gewohnt habe.
Ich stand vor einem Haus, das mein Zuhause war, und erinnerte mich an prägende Erlebnisse: An die Aufnahme eines kleinen und verängstigten schwarz-weissen Katers, der sich zu einem selbstbewussten Teil der Familie entwickelte und ständig Streit mit Hunden anfing (ich war 14). An Diskussionen mit meinen Eltern, ob lange Haare Angelegenheit des Trägers oder der Erziehungsberechtigten sind (ich war 15). An das am 16. Geburtstag mit Schulfreunden erfolgreich bewerkstelligte Schmuggeln eines Bierkastens in mein Zimmer (meine Eltern hätten das nicht erlaubt). An den Tod meiner Mutter (ich war 17). Und an das Zurück-Kommen nach bestandener Führerschein-Prüfung und an das Essen, das mein Vater aus diesem Anlass gekocht hatte, obwohl er eigentlich nicht kochen kann.
Bei diesen Gedanken öffnete sich plötzlich die Haustür, und ein freundlicher, älterer Herr kam auf mich zu. Er sei seit einigen Jahren der amtierende Pastor und habe mich vom Fenster aus gesehen. Ob ich nicht der Bundestagsabgeordnete sei? Er habe von meiner Familie viel gehört. Wie es denn meinem Vater gehe? (Nebenbei bemerkt: Sehr gut.) Ehe ich mich versah, befand ich mich auf einem Sofa, hatte eine Tasse Kaffee in der Hand und führte mit einem Menschen, der mich als Menschen sah,. 30 Minuten lang ein derart persönliches Gespräch über das Menschsein, dass wir uns am Ende, ohne uns zu kennen, erstaunlich nahe gekommen waren. Weil es nicht um unser jeweiliges Amt, sondern um uns ging. Ich habe nicht einmal den Nachnamen meines Gegenübers gewusst und diesen erst durch späteres Nachfragen von Dritten erfahren. Verabschiedet wurde ich übrigens mit dem Satz: "Mögen Sie behütet bleiben." Das ist ein Segensspruch, der ernst gemeint war, weil er mir galt. Und deshalb hat er mich berührt. Und darin bestärkt, nicht zynisch zu werden, sondern ein offener Mensch zu bleiben.
Auch im Amt? Gerade im Amt! Weil Menschen Ämter bekleiden. Und nicht Ämter Menschen.