15.07.2002
Strohhut auf dem Kopf, Forke in der Hand
"Das Ende naht", klagt einer der Bauern. Auch die übrigen Einwohner wirken ausgesprochen unwirsch. Soviel Missmut ist selbstverständlich nicht hinnehmbar. Und siehe da: Kaum habe ich eine neue Kirche errichtet, die Steuern gesenkt und die Nahrungsmittelvorräte aufgestockt, sind alle zufrieden.
Hier ist nicht von der wirklichen Welt die Rede, wie Sie bemerkt haben werden. Zum einen, weil es zufriedene Landwirte bekanntlich nicht gibt. (Wenn es sie übrigens doch geben sollte, dann sind sie jedenfalls sehr darauf bedacht, dass ihre Zufriedenheit unbemerkt bleibt.) Zum anderen, weil eine Demokratie nicht auf Knopfdruck funktioniert und mir zum Kirchen Bauen als Pastoren-Sohn zwar nicht die Lust, aber das Geld fehlt.
Auf Knopfdruck funktioniert freilich ein Computer Spiel. Und mich hin und wieder mit einem solchen zu befassen, gehört zu den Freizeit Beschäftigungen, denen nachzugehen ich mir erlaube. Weil das gilt auch für das Lesen guter Bücher und den Besuch eines Schwimmbads ich mich dabei gut entspannen kann.
Und so widme ich mich gelegentlich am heimischen Computer nicht nur der Abfassung von Papieren zum Thema Rechtsextremismus, sondern auch schon mal der Verwaltung mittelalterlicher Siedlungen (siehe oben) oder der Aufklärung von Banküberfällen in den USA des 19. Jahrhunderts.
Mir macht dieses Bewegen in unwirklichen Welten ab und zu riesigen Spaß. Andere sammeln Zollstöcke, ich nicht.
Dabei kommt es durchaus vor, dass in manchen Momenten mein eigenes Leben leicht irreale Züge annimmt.
Dazu gehört ein Live Auftritt in den Haupt Nachrichten der TV Station "BBC World" Ende März. Eine Sendung, die im Schnitt mehr als 200 Millionen Zuschauer auf dem ganzen Erdball hat, und in der ich in wenigen Minuten und auf Englisch im Gespräch mit der Moderatorin die deutsche Diskussion über das Zuwanderungsgesetz darzulegen hatte. Für ein riesiges Publikum, das aus Menschen aus allen Regionen der Welt besteht. Darunter war unter anderem auch mein alter Englischlehrer aus Gymnasialzeiten, der mir kürzlich bei einer zufälligen Begegnung in der Nienburger Fußgängerzone versicherte, das sei ein guter Auftritt gewesen.
Klein ist die Welt, so scheint´s, und nichts ist so beständig wie die Veränderung. Es ist keine vier Jahre her, da galt ich in Schaumburg als unbekannt. Vor wenigen Tagen konnte ich nunmehr in einem Kommentar in dieser Zeitung lesen, ich sei ein "Platzhirsch". Was mir prompt den Anruf einer politischen Unterstützerin aus frühen Zeiten einbrachte, sie sei selbst überrascht, wie schnell sich die Zeiten ändern könnten.
Worauf es wohl ankommt, ist, sich selbst nicht zu wichtig zu nehmen. Aber dafür die Zeit, auch mal Dinge zu machen, die von manchem Zeitgenossen als unnötig betrachtet werden. Und sei es, um einen zufriedenen Bauern kennen zu lernen. Wenigstens auf dem Bildschirm eines Computers anderthalb Zentimeter groß, mit einem Strohhut auf dem Kopf und einer Forke in der Hand.