15.07.2002
Wie ein Gerücht entsteht (in drei Akten)
Wir schreiben den 24. Januar des Jahres 2002. Ich bin in Berlin. Der Bundestag befindet sich in der ersten Beratungswoche des neuen Jahres. Es ist 20 Uhr. Ich halte morgen eine Rede zum Thema Rechtsextremismus und habe mir, was ich sagen will, gedanklich zurechtgelegt. Morgen früh werde ich es stichpunktartig auf Karteikarten notieren und dann, um 13 Uhr, im Plenarsaal vortragen. Für heute ist aber Feierabend.
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Ich bin zum Abendessen in einem Lokal am Schiffbauerdamm verabredet. Meine Verabredung ist ein netter Mensch von der CDU, der Grund unseres Treffens halb beruflich, halb privat. Ich freue mich auf ein interessantes Gespräch. Was ich beim Verlassen meines Büros nicht sehe, ist ein gerade hereingereichter Zettel mit dem Hinweis, dass um 21.30 Uhr im Plenarsaal eine Abstimmung stattfindet, für deren Gewinn die Koalitionsabgeordneten möglichst zahlreich benötigt werden.
Akt 1: Gerücht Zutaten. Ich sitze seit Viertelvorneun bei Kölsch und in Erwartung bestellter Speisen in angeregter Unterhaltung am Lokaltisch, als der Besitzer der als Bonner Exklave geltenden Gastwirtschaft das Wort ergreift: Es sei ja Karnevalszeit, und zurzeit finde in Berlin ein Europa Treffen akustisch schlagkräftiger Karnevals Musikgruppen statt. Und eine davon habe er in sein Lokal eingeladen. Flugs eilen 50 Musiker/innen herein. Ab diesem Moment herrscht im ganzen Raum Riesen Stimmung, aber selbst Tischnachbarn können sich nur noch brüllend verständigen.
Da meldet sich mein Funktelefon. Ich hätte es ausschalten sollen, denn was ich bei auf das Ohr gepresster Hörermuschel vernehme, ist ungefähr dies: "Hiempf, Plenu, sof, Abstimm." Ich rufe inmitten der immensen Geräuschkulisse zurück: "Was? Ich hör nix. Abstimmung? Mit Taxi mindestens 20 Minuten! Hallo? Wer da?" Damit war das Telefonat auch schon beendet, und ich hatte noch einen schönen Abend. Trotz eingeschaltet gebliebenen Telefons, was mich zur Fehleinschätzung verleitete, die Angelegenheit habe sich wohl erledigt.
Akt 2: Wir backen ein Gerücht. Am nächsten Tag hielt ich meine Rede. Als ich danach, mit innerer Selbstbefragung über das Verbesserungswürdige meines Vortrages beschäftigt, den Plenarsaal verlassen wollte, sprach mich der nicht zuletzt für Anwesenheit zuständige Geschäftsführer meiner Fraktion an: Ob es stimme, dass ich am Vorabend während einer wichtigen Abstimmung in einer Diskothek gewesen sei. Einer seiner Mitarbeiter habe mich angerufen. Und im Hintergrund sei laute Musik zu hören gewesen. Und ich hätte gesagt, ich wäre weit weg und könne nicht kommen. Und dann nur: Wumm, bumm, wumm. Und dann hätte ich aufgelegt. Dass da wohl ein Missverständnis vorliege, habe ich geäußert. Und dann dargelegt, was Sie schon wissen. Und geglaubt, die Sache sei damit geklärt.
Akt 3: Das Gerücht ist fertig.Montag, 28. Januar. Die zweite Sitzungswoche im Januar. Fraktionsvorstand, 45 von 293 SPDBundestagsabgeordneten gehören ihm an. Ich bin das jüngste Mitglied dieses Gremiums, dessen Vorsitzender SPD Fraktionschef Peter Struck ist.
Struck: Es gebe ja zweifellos viele undankbare Aufgaben die Mitarbeiter, die durch das Herbeirufen von Abgeordneten Abstimmungsniederlagen zu vermeiden hätten, wären eh arm dran. Und dann dies (und Struck schaute kurz so zu mir, als wolle er mich, einen armen Fraktionshobbit, ohne Ring in das Land Mordor schicken): Da rufe man Mitglieder des Vorstandes an, und dann seien diese in einer Diskothek. Und nicht nur das: Dann hielten diese, um den Anrufer zu ärgern, auch noch das Handy vor eine Lautsprecherbox, damit auch ja nichts zu verstehen sei! Na prima, dachte ich mir, als ich mich ob derlei Unbill protestierend zu Wort meldete und noch einmal darlegte, warum was wie gekommen war.
Am Dienstag in der Fraktionssitzung sah Peter Struck nicht wieder zu mir, als er sinngemäß und verallgemeinernd sagte, man möge aus allen Berliner Ecken kommen, wenn man telefonisch gerufen werde, auch wenn man sonstwo "und sei es in der Disko" sei. Na immerhin, dachte ich mir, das Ding ist gegessen. Weil man aber in der Hauptstadt so diskret ist, sprach mich eine Woche später ein Berliner Redakteur eines bekannten Nachrichtenmagazins mit der Frage an: "Herr Edathy wie wär´s mit Mittwochabend? Oder sind Sie dann wieder in der Disko?" Wir sind dann Essen gegangen. Übrigens am Schiffbauerdamm. Und diesmal gab es keine Abstimmung. Aber wieder einen interessanten Abend.