15.07.2002
Gläserne Abgeordnete - Jalousien runter
Der Philosoph Georg 'Christoph Lichtenberg sprach einmal vom "Herbst, der der Erde die Blätter wieder zuzählt, die sie dem Sommer geliehen hat".
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Ein schönes Bild. Der Winter ist demnach eine Jahreszeit zwischen Anfang und Ende eines Kreislaufes allemal eine Zeit zum Innehalten, zum Halten von Rückund Ausschau gleichermaßen.
Wenn ich, wie just im Augenblick beim Schreiben dieser Zeilen in meinem Berliner Büro derlei Gedanken entwickle, dann tue ich dies stets bei heruntergelassenen Roll-Läden. Nicht, weil mich das Tageslicht beim Denken störte, sondern weil das Schweifen Lassen meines Blickes andernfalls mit sofortiger Ablenkung verbunden wäre.
Ich habe nämlich seit einiger Zeit ein neues Büro in Berlin. Dieses befindet sich in unmittel barer Nähe des Reichstages, womit seine Vorzüge auch schon benannt sind. Der kurze Weg zum Plenarsaal hat nämlich den Preis, einen Kaninchenbau bezogen zu haben, in dem sich längs und quer und von oben nach unten auf sieben Stockwerken durchgängig 19 Quadratmeter große Zellen befinden. Wer in diesen Bürozimmern aus dem Fenster schaut, sieht auf und in andere Bürozimmer wer, wie ich, in der siebten Etage sitzt, sogar auf besonders viele.
Das ist so, als wenn Sie auf einen belebten Setzkasten oder auf gleich mehrere Aquarien blicken. Man erfährt dabei zwangsläufig mehr, als man eigentlich wissen möchte: Zum Beispiel, welcher Abgeordnetenkollege beim Zeitungslesen regelmäßig die Füße auf den Tisch legt, und welcher Referent beim Reinigen der Nase auf das Benutzen eines Taschentuches zu verzichten pflegt. Man sieht, wie viel Kaffee getrunken wird, wie viel Papier auf den mehr oder weniger aufgeräumten Schreibtischen liegt und registriert zwangsläufig, zu welcher Zeit welcher Abgeordnete in sein Büro kommt.
Beim Umzug ins neue Büro dachte ich zunächst, der Architekt habe den Schriftsteller George Orwell falsch verstanden,

der mit seinem Buch "1984" ja schließlich nicht zu mehr Kontrolle auffordern, sondern vor der Überwachung von Menschen warnen wollte. Meine diesbezügliche Nachdenklichkeit wurde ausgesprochen gestärkt, als mich im Herbst eine sehr freundliche, ältere Mitarbeiterin eines SPDKollegen, die ich bis dahin nicht kannte, am Fahrstuhl ansprach. Sie arbeite in einem der Büros gegenüber dem meinen und wolle mir schon seit Wochen Folgendes sagen: Es könne nicht gesund sein, wenn ich jeden zweiten Tag zu Mittag im Büro eine gelieferte Pappteller Pizza verspeiste. "Mehr Obst" solle ich zu mir nehmen und "mehr Zeit" mit dem Essen verbringen.
Ich war so sprachlos, dass ich ihr nicht gesagt habe, dass das zwar alles richtig sein möge, sie aber nichts anginge.
Nun sitze ich also, auch tagsüber, recht häufig bei herabgelassenen Jalousien im Büro; auch beim Essen. Auch wenn ich Gesprächspartner aus Ministerien oder dem Parlament zu Gast habe, deren Anwesenheit nicht notwendigerweise öffentlich werden muss. Und eben auch, wenn ich am Schreibtisch besonders konzentriert zu arbeiten habe.
Jetzt gibt es nur noch ein Handicap: Im ganzen Gebäude fahren mehrfach am Tag zu unterschiedlichen Zeiten die Rollläden automatisch herauf und herunter, was mich des Öfteren zum Opfer der Technik macht: Die Jalousien reagieren nämlich zum eigenen Schutz auf die Stärke des Windes. Weht der Wind, werden sie hochgefahren. Und weht der Wind stark, lassen sie sich vorerst nicht wieder senken.
Da heißt es dann bisweilen nicht nur: Vorhang auf. Da gilt dann auch gleich: Vorhang bleibt oben Dauervorstellung!
Ihnen wünsche ich, dass Sie das Heben des Vorhangs zum neuen Jahr guter Dinge erleben. Und dass Ihnen das Jahr 2002 ein gutes Jahr sein möge!