15.07.2002
Wer hier kauft, wird fotografiert!
Der Aufkleber prangt in Augenhöhe auf der Scheibe des Gebäudeeingangs der Friedrichstraße 83. Mitten in Berlin, im Jahr 2001, am hellen Tag.
In diesem Haus haben zahlreiche Bundestagsabgeordnete von SPD, CDU und CSU ihre Büros. Ein großes Schild, "Deutscher Bundestag", weist Passanten und Besucher darauf hin, dass dieses Bürogebäude Teil der Parlamentsbauten ist. Auch mein Büro befindet sich hier. Auf dem Aufkleber auf der Scheibe steht, in altdeutscher Schrift: jüdisches Geschäft. Wer hier kauft, wird fotografiert!"
Der Aufkleber ist offenkundig nicht mit Hast hinterlassen worden. Er wurde mit Sorgfalt angebracht, parallel zu den senk- und waagerechten Linien des Türrahmens. Keine Luftlöcher hinterm Plastik. Saubere Arbeit, sozusagen. An der Türscheibe laufen pro Minute gut zwei Dutzend Passanten vorbei. Eher mehr. Einheimische und Touristen. Wenn der Berliner Bär auf den Straßen tobt dann ganz besonders hier.
Wie lange befindet sich dieser Aufkleber schon an dieser Tür? Ich bin so irritiert, dass ich bereits im Flur des Hauses stehe und dann wieder umkehre, um zum einen den Aufkleber und zum anderen das muntere Treiben auf dem Bürgersteig noch einmal näher zu betrachten. Mir wird eigentlich so schnell nicht flau im Magen. Jetzt schon.
Ich informiere von meinem Büro aus telefonisch die Polizei. 15 Minuten später ist der Aufkleber entfernt. Von den vielen Menschen, die ihn gesehen haben müssen, ist auf diese Idee offenbar niemand gekommen...
Ich habe im Reichstagsgebäude zwei Räume, die ich besonders schätze. Beide befinden sich in der Nähe des Plenarsaales.
Der eine ist ein großer Besprechungsraum mit vielen Sitzgruppen, der zugleich eine Stätte des Erinnerns ist: Auf drei Stehpulten befinden sich großformatige Buchbände und geben Auskunft über Biografie und Schicksal demokratischer Reichstagsabgeordneter, die nach der Machtergreifung durch die Nationalsozialisten verfolgt wurden. Ein heller Raum zum Sich-Zurückziehen für Gespräche und zum Nachdenken gleichermaßen. Dass ein Ort des Gedenkens zugleich ein Platz für zukunftsgerichtete Gespräche ist und dass beides nicht im Widerspruch, sondern in einem sich ergänzenden Zusammenhang steht, macht diesen Raum zu einem Platz, an dem ich mich ? wie viele andere Abgeordnete auch ? gerne aufhalte. Das ist das wirkliche Berlin. Eine Werkstatt der Demokratie, in der die Vergangenheit weder ausgeblendet noch beschönigt wird.
Der zweite Ort ist der vom Künstler Günther Uecker gestaltete Andachtsraum. Wenn ich mit Besuchern aus dem Wahlkreis einen Rundgang durch das Reichstagsgebäude mache, komme ich immer auch hierher. Der Raum ist bestuhlt mit schlicht gehaltenen Holzsitzen. Ein bewusst konfessionsunabhängig gestalteter Bereich, der in einem von viel Betriebsamkeit geprägten Haus zum Ruhigwerden einlädt. Weder reden noch zuhören müssen, sondern still sein können ? das ist im politischen Berlin selten. Ich bin dankbar für die Viertelstunden, die ich hier verbringen kann. Um nachzudenken.
Unter anderem darüber, wie lange es noch dauern wird, bis Synagogen in Deutschland nicht mehr unter Polizeischutz stehen müssen...