15.07.2002
Kein Zauberstab
"Der Bundestag macht Sommerpause", heißt es gelegentlich. Die ist übrigens offiziell seit dem 11. September vorbei. Viele Mitbürger scheinen freilich das Nicht-Tagen des Bundestages mit dem Nichtstun von Abgeordneten zu verwechseln.
Ich habe nicht gezählt, wie oft ich die Frage zu hören bekam, wieso ich nicht im Urlaub sei - "Ist doch Sommerpause, oder?".
Es stimmt schon: Um mehr als nur einige Tage privat zu verreisen, bieten sich (auch) für einen Politiker die Sommerwochen an. Mein Vorhaben in diesem Sommer war allerdings nicht der Besuch sonniger Urlaubsregionen, sondern das Renovieren meiner heimischen Wohnung. Jedenfalls bis zu dem Tag, als ich im Wohnzimmer gerade den alten Teppichboden herausriss und das Telefon klingelte - Was denn die SPD-Bundestagsfraktion gegen das immer offenkundiger werdende Problem des Rechtsextremismus zu unternehmen gedenke, fragte eine Redakteurin der "Magdeburger Volksstimme". Ihr folgten zahlreiche andere Journalisten aus In- und Ausland.
Nun bin ich seit Juni Sprecher meiner Fraktion zu exakt diesem Themenfeld und freue mich, dass die Bedrohung der Demokratie durch Rechtsradikale (allein 100000 Straftaten im Jahr 1999) endlich emst genommen wird. Das mit der "Sommerpause" hatte sich für mich allerdings damit erledigt. Und die Renovierung auch.
Um dennoch nicht auf jedes sommerliche Vergnügen zu verzichten, habe ich mir als Bettlektüre den ersten Harry Potter′-Band der britischen Autorin J. K. Rowling gekauft. Das ist, wie ich mich überzeugen lassen durfte, ein Buch für
Generationen und damit auch, aber nicht nur, ein Kinderbuch. Die besten Kinderbücher sind ohnehin Titel, die auch von Erwachsenen mit
Freude gelesen werden können. Und dieses hat zudem eine sympathische Botschaft: Nicht alle sind Zauberer, nicht alle sind nett, aber alle sind aufeinander angewiesen.
Gleichwohl dachte ich mir: Wenn ich schon so ein Buch kaufe, dann wenigstens, um die eingängliche Lektüre mit einem praktischen Nutzen zu versehen in der englischsprachigen Originalausgabe. Das übt Fremdsprachenverständnis und -gebrauch.
Naja. Jedenfalls weiß ich jetzt, was die englischen Begriffe für Zauberstab ("wand") und Besen ("broom") sind. Das wird mir im politischen Alltag aber vermutlich nur bedingt weiterhelfen. Immerhin könnte ich künftig bei einer der nicht seltenen Anfragen nach einem englischsprachigen Interview als Beginn einer Antwort auf die Frage nach der Bekämpfung des Rechtsextremismus antworten: "Wish 1 had a wand, but ..." ("Wäre schön, wenn ich einen Zauberstab hätte, aber...").
Einen Zauberstab hat man als Politiker leider nicht. Allemal aber die Aufgabe, die Demokratie vor ihren Gegnern zu schützen und dem ersten Satz des Grundgesetzes "Die Würde des Menschen ist unantast-, bar" in unserer Republik zu jeder Zeit und an allen Orten Geltung zu verschaffen.
Kürzlich bin ich mit einer Gruppe junger Bundestagsabgeordneter von SPD und Bündnis 90/Die Grünen zu politischen Gesprächen nach Krakau gereist. Auf dem Weg dorthin haben wir einen Tag lang die Gedenkstätte Auschwitz besucht, wo vom NaziRegime die Würde des Menschen mit Füßen getreten worden ist. Niemand von uns Abgeordneten, die wir vor 25, 30 oder 35 Jahren geboren wurden, trägt Schuld an dem dort Geschehenen. Darum geht es auch nicht. Worum es geht ist, dass wir Verantwortung dafür tragen, dass sich das Geschehene nie wiederholt.