Das Parlament, Bonn vom 29. Juni 2001
Von Severin Weiland
Im Reichstag lässt es sich gut kungeln - fast immer unter den Augen der Kollegen "Manchmal will man eben nicht gesehen werden"
Der Reichstag ist ein transparenter Ort. So hat es sich der britische Architekt Sir Norman Foster gewünscht. Die Politik hat sich an die ständige Beobachtung gewöhnt - und weiß die gläserne Atmosphäre mittlerweile geschickt zu nutzen. Peter Altmaier ist vom neuen Reichstag begeistert. Wenn er, wie andere Parlamentarier auch, Besuchergruppen durch das Gebäude führt, schwärmt der 43jährige CDU-Bundestagsabgeordnete von der Luftigkeit. "Ich bin eben ein Fan hoher Decken", sagt der Saarländer. Doch die Transparenz, die nach dem Umbau durch den britischen Architekten Sir Norman Foster zum Sinnbild des neuen Reichstages wurde, sie hat auch ihre Tücken. Nicht von der gläsernen Kuppel ist mehr die Rede, die einst so heftig umstritten war. Daran nimmt niemand so recht mehr Anstoß.
Nein, es geht ums Parlament als Ort der Kommunikation, vielmehr des vertraulichen Gesprächs. Was man unter vier Augen bereden möchte, von Kollegen unbeobachtet und unbelauscht, ist in diesem neuen Reichstag nur noch schwer möglich. "Die Transparenz ist nicht jedermanns Sache", weiß Altmaier aus Gesprächen mit anderen Kollegen zu berichten. Untrügliches Zeichen für die Beobachtung des langjährigen Parlamentariers, der auch schon in Bonn saß, ist die fast immer leere Abgeordnetenlobby im Westflügel. Wer sich hier hinein begibt, wird höchstens durch Besucher gestört, die sich ab und zu in den Raum verirren. Dass Abgeordnete den Raum meiden, obwohl die Möbel weich und bequem sind, liegt wohl nicht nur an der fehlenden Bewirtung, wie Altmaier glaubt. "Wenn Sie dort ein Gespräch führen, kann sie eben jeder sehen". Und manchmal, sagt er, "wollen sie eben nicht gesehen werden". Womit ein Problem beschrieben wäre, das der Architekt Norman Foster wohl bedachte, als er bewusst mit dem umgebauten Gebäude den Bürgern einen Einblick in die Funktionsweise des Parlamentarismus verschaffen wollte.
Ein besonders augenfälliges Beispiel dafür ist die westliche Plenarebene. Nicht nur die Abgeordnetenlobby, auch das Restaurant sind einsehbar. Mitunter kann das von Vorteil sein. Manch einer nutzt die hohen Glaswände mittlerweile zur geschickten Inszenierung. Gerade dann, wenn Wahlkämpfe anstehen: Vor wenigen Wochen erst drängelten sich die Kameramänner vor dem Restaurant des Bundestages. Für alle sichtbar wurde an einem Donnerstag das bis dahin ungewöhnlichste Bündnis der Berliner Republik geschmiedet: Die Liberalen Günter Rexrodt und Guido Westerwelle besprachen mit dem heimlichen PDS-Chef Gregor Gysi jenes Volksbegehren, das mit der Forderung nach Neuwahlen den Druck auf die Große Koalition in der Hauptstadt erhöhte. Zufall? Aber ja doch, sagen die Beteiligten. Er sei mit dem Bundesvorsitzenden Westerwelle ins Restaurant gekommen und habe den PDS-Politiker Gysi zufällig gesehen, erzählt der Berliner FDP-Chef Günter Rexrodt. Und da man an diesem Tage ohnehin in derselben Angelegenheit miteinander telefonieren wollte, habe man "sich einfach mal zusammen an einen Tisch gesetzt".
In Bonn wäre ein solches Treffen schon aus praktischen Gründen unmöglich gewesen. Dort war das Bundestagsrestaurant, außer vom Rheinufer her, nicht einsehbar. Man blieb unter sich, ein wenig geduckt unter der buntbemalten Decke. Drehgenehmigungen im Restaurant wurden ohnehin grundsätzlich nicht erteilt. übrigens gilt das auch weiterhin in Berlin, wie eine Sprecherin der Bundestagsverwaltung versichert: "Man soll dort ungestört zusammenkommen können. Natürlich, wer eine Drehgenehmigung für die' Plenarebene hat, kann durch die Fenster filmen". Das scheint sich herumgesprochen zu haben. Seit Beginn des Wahlkampfes in Berlin wird das Restaurant als eine Art Kleinbühne genutzt. Der Blick durchs Glas dient dazu, sich wieder in Positur zu bringen. Wer fast vergessen war, ist wieder da. Kaum hatte Helmut Kohl sich für den Spitzenkandidaten der Berliner CDU, Frank Steffel, stark gemacht, wurde der Altkanzler von Kameramännern besonders aufmerksam verfolgt. Und so entging Mitarbeitern des ZDF Mitte Juni auch nicht, wie sich Helmut Kohl im Bundestagsrestaurant mit Frank Steffel traf. Nur Tage zuvor noch hatten sich die beiden unter Vier-Augen in einem abgelegenen Restaurant der Hauptstadt verabredet. Privat und ungestört. Jetzt galt auch hier: Gesehen, vor allem aber, fotografiert und gefilmt werden! Die Bundestagsabgeordnete der Grünen, Franziska Eichstädt-Bohlig, lacht, wenn sie von solchen Beispielen hört. Niemand habe wohl geglaubt, dass mit dem neuen Reichstag die Politik wirklich durchsichtiger werden würde. "Die Transparenz eines Gebäudes und die Transparenz der Politik sind eben keine mathematischen Größen, die proportional zueinander stehen müssen", sagt die Architektin und Stadtplanerin. Wer "wirklich kungeln will, der wird die geeigneten Orte eben woanders suchen und auch finden". Es ist nicht nur der Anteil von Glas, der manchen Abgeordneten aufstößt. Die schwarzen Ledersessel, der kühle Stil, der an Mies van der Rohe erinnert, strahlt die Sachlichkeit von Banken und Konzernetagen aus. "Manchem scheint der Reichstag ein wenig steril", hat der CDU-Parlamentarier Altmaier aus Gesprächen mit Kollegen herausgehört. "Es ist eben nicht Gelsenkirchener Barock", sagt er und lächelt feinsinnig. Wer es daher intimer haben will, der sucht sich ein Restaurant in der Umgebung. Davon gibt es in Berlin-Mitte eine Unzahl - anders als im Regierungsviertel von Bonn, das am späten Nachmittag schon weitgehend verwaist war.
Eichstädt-Bohlig, die als früheres Mitglied der Bundesbaukommission an den Planungen der Neubauten in Berlin beteiligt war' findet die Räumlichkeiten im Reichstag "nicht ganz so gemütlich". Es sehe eben alles "nach künstlicher Arbeitsarchitektur aus". In die Abgeordnetenlobby gehe sie auch nur, wenn sie mit Kollegen eine Besprechung zu führen habe. In den Augen der 59-jährigen war Günther Behnisch, der den Bundestagsneubau in Bonn plante, -,der geschicktere Gebäude- und Innenarchitekt". Dennoch: bei aller Kritik in Details, im Grunde sind die Abgeordneten mit Fosters Bau zufrieden. "Wer hätte jemals gedacht, dass wir einen solchen Besucherandrang haben werden", sagt Eichstädt-Bohlig begeistert. Und Altmaier ergänzt: "Die Bürger wollen einfach wissen: Was haben die da in Berlin mit unseren Steuermitteln gebaut?"
Demnächst wird der Eingangsbereich im Westteil, über den die Touristen zur Kuppel gelangen, verbreitert. Wie dieser Umbau, so muss auch jede andere Veränderung mit dem Büro von Poster abgesprochen werden. "Der Architekt besitzt das Urheberrecht", so eine Sprecherin der Bundestagsverwaltung. Manche Kleinigkeiten sind im Verlaufe der letzten zwei Jahre verändert worden. So wurden im Ostbereich Zwischentüren für das Wachpersonal eingezogen, damit sie besser gegen Zug und Kälte geschützt sind, schaffte man neue, farblich abgestimmte Hocker für die Fotografen auf der Pressetribüne an. Schließlich wurden auch gläserne Telefonzellen in der Plenarebene aufgestellt. Nur siegte auch hier die ästhetik über die Funktionalität: die gläsernen Zellen seien zwar "sehr schön", meint Altmaier. Leider hätten sie nur einen Nachteil: "Man hört mitunter, was nebenan gesprochen wird."
Dass der Reichstag mit dem Big-Brother-Container verwechselt werden könnte' davon jedenfalls hat noch niemand gesprochen. "Wir haben unsere Büros, in denen, ja bislang jedenfalls keine Web-Cams angebracht sind", sagt der SPD-Bundestagsabgeordnete Sebastian Edathy schmunzelnd. Mit 31 Jahren gehört er zu den jüngsten seiner Fraktion und schätzt den Reichstag sehr. "Eine vollauf gelungene Arbeit", lobt er den Architekten.
Für Kollegen, die wirklich mit sich allein sein wollen, hat der Niedersachse einen Tipp. Nur wenige Meter von der Abgeordnetenlobby entfernt, in der sich manche wie Fische im Aquarium fühlen, befindet sich ein kleiner Raum. Edathy öffnet eine unscheinbare Tür, die auch der Eingang zu einem Büro sein könnte. Durch ein kaum einsehbares Fenster fällt ein kräftiger Lichstreifen. Und tatsächlich: Hier im Andachtsraum des Bundestages, wo schlichte Holzstühle fest im Boden verankert sind, wo kunstvolle Nageibretter an der Wand hängen, wo ein Kubus einen ruhenden Mittelpunkt bildet, herrscht absolute Stille. Zumindestens für einen kurzen Augenblick. Plötzlich öffnet sich die Tür. Eine Abgeordnete der PDS betritt den Raum - hinter ihr folgen drei Besucher.