BILD der Frau
Regieren mit Familien-Anschluss
Von Sandra Immoor
Birgit Roth (30), Brunhilde Irber (51) und Sebastian Edathy (29) sitzen für die SPD im Bundestag. Und weil sie sich gut verstehen, sind sie jetzt auch zusammengezogen. BILD der FRAU machte einen Hausbesuch.
Der Blick in der Kühlschrank depremiert irgendwie. Neben zwei Bechern Heidelbeer-Joguhrt lagert einsam ein Rest Salami in Alu-Folie. Neben einer Flasche Franken-Wein steht traurig eine Flasche Bier. Das wars. Mal abgesehen von den Schoko-Zimtsternen und der Tüte Schinken-Chips auf den Küchen-Tisch.
Im Bad baumelt eine nackte Glühbirne von der Decke. Spiegel gibts nicht - nur einen auf dem Flur. Da treffen sich die Frauen morgens um sieben Uhr zum Föhnen.
Hausbesuch am Schleswiger Ufer, Berlin-Tiergarten. Hier lebt eine Bundestags-Wohngemeinschaft (alle SPD). Birgit Roth (Wahlkreis Speyer, Rheinland-Pfalz), Sebastian Edathy (Nienburg-Schaumburg, Niedersachsen), Brunhilde Irber (Deggendorf, Niederbayern) und ihre Assistentin Karina Brem (24) teilen sich seit Ende August 1999 160 Quadratmeter in Spree-Nähe.
Der Norddeutsche Edathy hat die helle freundliche Wohnung gefunden und Brunhilde Irber ("sie hatte in der Bonner SPD-Zentrale das Büro gleich neben meinem") ruckzuck als Mitbewohnerin gewonnen. Die resolute Bayerin ("manchmal krieh ich hier schon mütterliche Gefühle") überzeugt schließlich noch Tourismus-Ausschuss-Kollegin Birgit Roth. "Ist doch besser, wenn man abends noch mit wem reden kann", findet die Politiker-WG. Und wenn der "Bastl" (wie Brunhilde Irber Edathy scherzhaft nennt) demnächst noch, wie längst versprochen, den Allibert-Spiegel-Schrank fürs Bad besorgt und zusätzlich ein paar Lampen montiert, dann wirds in der Gemeinschaftsunterkunft noch richtig heimelig.
Viel besser jedenfalls als in der "Schlange". So nennen die Politiker etwas abfällig das geschwungene 8-Stockwerk-Gebäude in Reichstags-Nähe. 718 Abgeordneten-Wohnungen sind dort gebaut worden, vom Bund mit 90 Millionen Mark bezuschusst. Nur will da jetzt kaum einer einziehen. Gerade mal 100 Appartements sind belegt. Für bis zu 19,50 Mark Kaltmiete pro Quadratmeter gäbe es da nicht einmal einen winzigen Austritt, geschweige denn einen Balkon, meckern die Parlamentarier. Und wenn die S-Bahn vorbeirausche, würden im Kühlschrank die Tassen wackeln. "Aber Eichenparkett ist da verlegt", sagt Birgit Roth. "was brauch ich Eichenparkett? Unsinniger Schnickschnack..."
In Birgit Roths WG-Zimmer steht bisher nicht mal ein Schrank - ein Umzugs-Kleiderkarton reicht ihr. "Wir sind hier ja sozusagen nur auf Montage", erklärt Sebastian Edathy. "Wir arbeiten dienstags bis freitags in Berlin - meistens bis spät in den Abend. Da braucht man eigentlich nur eine Dusche, ein Bett und nette Mitbewohner. Am Wochenende gehts ja dann ohnehin nach Hause in den Wahlkreis." Dort warten nicht nur die Wähler - sondern auch Birgits Freund und Brunhilde Irbers Ehemann. Edathy ist zurzeit solo.
Eigentlich gibts in jeder WG auch mal Krach. Bei den Bundestagsabgeordneten nicht. Behaupten sie jedenfalls glaubwürdig. Nicht um die Telefonrechnung: "Wir haben gar kein Festnetz-Telefon. Jeder hat sein Handy." Nicht ums Bad: Edathy und Irber teilen sich ein Badezimmer (mit Wanne), Roth und Brem ein zweites (mit Dusche). Auch über Kochen und Einkaufen wird nicht gestritten: "Wir brauchen sowieso nur Kaffee!" Tatsächlich klebt am Backofen noch das Garantie-Schild : Er ist bis heute nicht benutzt worden. Und wenn das Mineralwasser alle ist, scheuchen die Frauen ihren einzigen männlichen Mitbewohner los ("sonst entwickelt der noch Pascha-Allüren"). Der WG-Mann hat übrigens auch die 2200 Mark Warm-Miete nach einen genau ausgetüftelten Quadratmeter-Plan auf die Bewohner umgelegt: "Ist alles total gerecht."
Das Polit-WG-Modell ist noch einmalig. Die meisten Mandatsträger haben sich in Berlin lieber eine Solo-Wohnung gesucht. Rita Süssmuth (CDU) und Franz Müntefering (SPD) zum Beispiel wohnen in Plattenbauten nahe des Brandenburger Tors. Norbert Blüm (CDU) im Wedding. Die Grüne Antje Vollmer logiert in einer Altbauwohnung in Charlottenburg. Ihr Partei-Kollege Cem Özdemir hat sich im bescheidenen Stadtteil Neukölln eingemietet. Alt-Kanzler Helmut Kohl zog es hingegen in den teuren Grunewald. Ebenso den jetzigen CDU-Chef Wolfgang Schäuble. Und Kanzler Gerhard Schröder wohnt im noblen Dahlem.
Edathy, Roth und Irber aber, die Drei von der WG, wollen mit keinem tauschen. "Ist doch ideal hier", finden sie. "Total zentral". Darum macht es auch fast gar nichts, dass der Chauffeur (Bundestagsabgeordneten steht ein Fahrdienst zu) morgens regelmäßig im Hauptstadt-Stau fest steckt. "Für uns", sagt Birgit Roth mit leisem Triumph in der Stimme, "sind es mit der S-Bahn bis zum Reichstag nur drei Stationen".