BILD vom 03. Dezember 1999
Praktisch, günstig, gut - 3 Bundestagsabgeordnete unter einem Dach
STRONG>Die erste Politiker-WG. Der Garantieschein klebt noch am Herd. Eingeschweißte Fertigrouladen neben einer Büchse Ravioli im Küchenschrank. Nackte Glühbirnen an den Decken. Stereoanlage, Fernseher, Telefon - gibt's hier nicht! Willkommen in Berlins einziger Bundestags-Wohngemeinschaft!
Schleswiger Ufer (Tiergarten). Seit September wohnen hier vier SPDler. Damen-Trio mit Mann: Brunhilde Irber (51, Niederbayern), ihre Assistentin Karina Brem (24), Birgit Roth (30, Rheinland-Pfalz) und Sebastian Edathy (29, Niedersachsen).
Treffpunkt Küche, kurz nach acht Uhr in der Früh. "Wo zum Himmel sind die Kaffeefilter? Sind die schon wieder alle? Säaähääpp?" Doch Sebastian kämpft im Bad mit der Bohrmaschine. "So wie du das machst, wird's schief", gibt ihm Birgit wertvolle Heimwerker-Tipps.
Zehn Minuten später lässt Sebastian die Sache mit dem Ikea-Spiegelschränkchen sein. Wenn Birgits Freund demnächst mal zu Besuch nach Berlin kommt - der kann doch sowas viel besser. Wenigstens Brunhilde hat die Küchenprobleme gemeistert: Statt im Filter brüht der Kaffee jetzt in ein paar Lagen Küchenrollenpapier auf.
"lst doch wirklich besser hier zu leben, als in diesem Politiker-Ghetto", findet Birgit. Sie meint die 718 Abgeordneten-Wohnungen in der "Schlange"; nahe des Reichstags. Für 90 Mio Mark hat der Bund das Appartementhaus (19,50 Mark Kaltmiete pro qm) bauen lassen. Doch kaum ein Parlamentarier will dort leben. Erst 100 Wohnungen sind vermietet.
Dann schon lieber die Abgeordneten-WG. 160 Quadratmeter (6 Zimmer, 2200 Mark) waren Edathy allein zu groß. "Bruni hatte in der Bonner SPD-Zentrale ihr Büro gleich neben meinem. Sie wollte sofort einziehen, fragte gleich noch eine Kollegin"
Die Zimmer sind spärlichst eingerichtet. "Eigentlich sind wir hier ja nur auf Montage", vergleicht Sebastian, der am Freitag schon wieder in seinem Wahlkreis arbeitet: Treffen im Geflügelzüchterverein, Nikolaus-Frühschoppen beim Bundeswehr-Verband.
In Birgits Zimmer hängen die Klamotten im Umzugs-Kleiderkarton. Bei Edathy stehen drei lkea-Möbel (Schlafsofa, Sessel, Regal) rum. Nur bei Bruni ist's gemütlich: Sie schläft im hölzernen Bauernbett ihres Sohnes.
"Wenn wir jetzt noch einen Badezimmerspiegel hätten, wär die Wohnung perfekt", träumt Brunhilde. kcs