Frankfurter Rundschau vom 19. November 2005
Zwei Minister streiten um ein Amt
CDU möchte Bundesmigrationsbeauftragte dem Innenressort zuschlagen, SPD
dem Arbeitsministerium
In der großen Koalition herrscht offener Streit über das Amt der
Bundesmigrationsbeauftragten. Die Union reklamiert den Posten für sich
und will ihn dem Bundesinnenministerium zuordnen. Aber auch die SPD will
das Amt aus den eigenen Reihen besetzen und im Arbeitsministerium ansiedeln.
BERLIN In ihren Koalitionsverhandlungen konnten sich Union und SPD
nicht darauf verständigen, welcher der beiden Partner den Zuschlag
bekommen soll, das Amt der oder des Beauftragten der Bundesregierung
für Migration, Flüchtlinge und Integration" zu besetzen. Im
Koalitionsvertrag wurde der Konfliktpunkt deshalb wohlweislich
ausgespart. Doch jetzt ist der Streit offen entbrannt. Wir halten es
für richtig, dass die Stelle des oder der Migrationsbeauftragen beim
Bundesinnenministerium angesiedelt wird", meldet Unionsfraktionsvize
Wolfgang Bosbach unmissverständlich den Anspruch der CDU/CSU an, den
Posten aus den eigenen Reihen zu besetzen. Denn nach einer
ungeschriebenen Regel werden die Beauftragtenposten meist passend zum
Parteibuch des jeweiligen Ministeriumschefs besetzt. Der heißt im Fall
des Innenressorts Wolfgang Schäuble und ist Christdemokrat.
Parteifreundin Ursula von der Leyen, in deren Familienministerium die
Migrationsbeauftragte unter Rot-Grün die letzten Jahre angesiedelt war,
habe dem Wechsel des Postens ins Innenministerium bereits zugestimmt,
heißt es aus der Union.
Nach derselben Parteiproporz-Logik will aber auch die SPD das Amt ins
sozialdemokratisch geführte Arbeitsministerium von Franz Müntefering
holen. Der Union ausgerechnet den Posten der
Bundesmigrationsbeauftragten zu überlassen, hieße den Bremser zum
Lokführer zu machen", wettert Sebastian Edathy, Innenpolitikexperte der
SPD, bei allen integrationspolitischen Fortschritten wie
Staatsbürgerschaftsreform oder Zuwanderungsgesetz hat sich die Union
doch immer aufs Gleis gelegt und blockiert. Das mussten wir doch alles
gegen die Union durchsetzen."
In der SPD gibt es daneben grundsätzliche Bedenken, die oder den
Migrationsbeauftragten beim Innenministerium anzudocken". Denn bisher
hatte das Amt auch den Charakter von Ombuds- und Beschwerdestelle. Die
früheren Ausländer- und späteren Migrationsbeauftragten waren oft
Kontroll- und Korrektivinstanz gegenüber der traditionell eher
restriktiven Ausländerpolitik des Innenressorts. Die nun scheidende
Beauftragte Marieluise Beck (Grüne), aber auch ihre Amtsvorgängerinnen
von der FDP hatten dabei oft heftige Kämpfe mit den jeweiligen
Innenministern ausgefochten.
Bei der Opposition beobachtet man das Gerangel der Großkoalitionäre um
Posten und Zuständigkeiten mit Befremden. Dieses Amt darf nicht nach
Parteienproporz besetzt werden", warnt FDP-Innenexperte Max Stadler,
das Entscheidende ist eine starke und unabhängige Persönlichkeit, die
engagiert und kompetent und in der Szene anerkannt ist", sagt Stadler.
Genau an der Stelle haben beide Koalitionäre ein Problem. Die SPD hat
jetzt zwar den Namen ihrer Favoritin in den Ring geworden. Ihre
Anwärterin ist die türkisch-stämmige Abgeordnete Lale Akgün. Die
52-Jährige gilt zwar als engagiert und fachkundig. Aber sie ist nicht
unumstritten. Und bei der Union heißt es nur, die Personalentscheidung
ist noch nicht getroffen". Beobachtern will aber bisher keine einzige
Person aus den Reihen der Unionsfraktion einfallen, die das Amt
qualifiziert ausfüllen könnte.
Ihren Postenstreit werden Union und SPD nun wohl im Rahmen eines
parteipolitisch quotierten Gesamtpakets lösen. Denn auch Ämter der
Beauftragen für Aussiedler-, Behinderte und Stasi-Unterlagen werden
demnächst neu besetzt.
EINSATZ FÜR MIGRANTEN
Der/die Ausländerbeauftragte wurde 1978 geschaffen und heißt heute
Migrationsbeauftragte. Er oder sie werden nicht gewählt, sondern von der
jeweiligen Bundesregierung aus den Reihen des Parlaments berufen. Der
Posten ist ein Ehrenamt. Rot-Grün hat ihn 2002 dadurch aufgewertet, dass
Amtsinhaberin Marieluise Beck den Rang einer Parlamentarischen
Staatssekretärin im Familienministerium bekam. Der oder die
Migrationsbeauftragte ist unabhängig. Als Aufgaben nennt das
Aufenthaltsgesetz unter anderem: Förderung der Integration und
Vertretung der Belange der hier lebenden Ausländer. Er oder sie kann der
Bundesregierung Vorschläge machen und ist bei Gesetzesvorhaben, die
Migranten betreffen, einzubeziehen.