03.02.2009
Rede anlässlich der Vorstellung des Buches "Jüdisches Leben in der Provinz" in der Landesvertretung Niedersachsen in Berlin
Sehr geehrte Damen und Herren!
Der große deutsche Soziologe Norbert Elias formulierte einst, der beste Beobachter sei der, welcher "Engagement und Distanzierung“ an den Tag lege. Also einer, der sich einer Sache intensiv widmet, ohne sich von ihr überwältigen zu lassen oder in ihr aufzugehen. Einer, der die Fähigkeit zur objektivierenden Gesamtschau im Auge behält und sich gleichwohl einem Thema mit Empathie und Nachdruck widmet. Nicht zuletzt, weil er von der Notwendigkeit seines Tuns überzeugt ist.
Rolf-Bernd de Groot und Günter Schlusche haben ihr bewegendes und fundiertes Buch über jüdisches Leben in der Region Schaumburg mit genau dieser Einstellung geschrieben.
Sie orientieren sich bei ihrer Recherche an den Schicksalswegen einiger Familien jüdischen Glaubens aus Obernkirchen und Umgebung, deren Geschichte sich teilweise bis ins 16. Jahrhundert zurückverfolgen lässt.
Die Lebenswege der Familien, die die Autoren nachzeichnen, stehen hierbei exemplarisch für das jüdische Leben in der Provinz. So berichten die Autoren über die judenfeindlichen Pogrome während der Zeit der Pest-Epidemien, die fortdauernde Ausgrenzung bis zur Gründung des Königreichs Westfalen durch Napoleon im Jahre 1807, mit welcher den jüdischen Mitbürgerinnen und Mitbürgern volle Bürgerrechte zuteil wurden. Sie berichten über die Folgen der deutschen Kleinstaaterei im 19. Jahrhundert und die damit zusammenhängenden unterschiedlichen Teilhabemöglichkeiten für Menschen jüdischen Glaubens in den verschiedenen deutschen Kleinstaaten. Sie schreiben über die um die Wende zum 20. Jahrhundert erstarkende nationalkonservative Bewegung, die neuerlich Antisemitismus schürte.
Ein großer Teil des Buches ist zurecht den Geschehnissen in den 30er und 40er Jahren des vergangenen Jahrhunderts gewidmet. Die Autoren konfrontieren den Leser mit einer Vielzahl von Detailinformationen und Einblicken in persönliche Schicksale.
Sie erzeugen ein erschütterndes Bild der Brutalität, des Hasses und der maßlosen Ungerechtigkeit gegenüber der jüdischen Bevölkerung in jener Zeit, betrachten jedoch ebenso die gesellschaftlichen Transformationsprozesse im soziologischen Mikrokosmos Obernkirchen, die letztlich im antisemitischen Konsens der Nicht-Juden mündeten.
Dabei berichten die Autoren auch in aller Deutlichkeit, wie Verdrängung und Vergessen und eben nicht die Aufarbeitung der Geschehnisse der Nazi-Zeit das Denken der Menschen in Obernkirchen in den Jahrzehnten nach dem Ende des zweiten Weltkrieges dominierten.
Ich denke, dass sich im Bereich der Erinnerungsarbeit in den letzten 20 Jahren viel geändert hat. Es gibt zahlreiche Beispiele aus Schaumburg, die eine neue Epoche der Erinnerungskultur darstellen.
Dazu gehört etwa die hervorragende Geschichtswerkstatt der Bückeburger Realschule, dazu gehört auch die vorbildlich organisierte Debatte über eine in Stadthagen geplante zentrale Schaumburger Erinnerungsstätte für die Opfer des Nationalsozialismus.
Dazu gehört nun auch die Veröffentlichung dieses Buches.
Die Lektüre des Buches verdeutlicht dabei ein Mehrfaches:
Ressentiments gegenüber Menschen jüdischen Glaubens waren in allen Segmenten der Bevölkerung und allen Gesellschaftsschichten schon lange vor der Zeit des nationalsozialistischen Regimes verbreitet.
Um "Wiedergutmachung“ konnte es daher weder in Schaumburg noch in Deutschland nach 1945 gehen – es war auch vor 1933 in der Regel nicht gut, wie mit Bürgern jüdischen Glaubens umgegangen wurde.
Bis 1945 waren es die Menschen, die ausgegrenzt wurden.
Anschließend wurde lange Zeit die Erinnerung an diese Menschen ausgegrenzt.
Jüdische Kultur war im Nachkriegs-Deutschland weitgehend ausgelöscht – erst in den letzten zwei Jahrzehnten ist sie wieder zu einem festen und sichtbaren Bestandteil der deutschen Gesellschaft geworden.
So gibt es nun wieder zahlreiche Gemeinden – auch "in der Provinz“, im Schaumburger Land. Insgesamt leben in Deutschland nun wieder mehr als 100.000 Menschen jüdischen Glaubens.
Jüdisches Leben in Deutschland ist jedoch viel mehr als die Zahl der tatsächlich in Deutschland lebenden jüdischen Mitbürger. Es ist eben auch die Art und Weise, wie sie und ihre Belange im Bewusstsein und in der Vorstellung der Bevölkerung und im öffentlichen Leben verankert sind.
Ignaz Bubis hat kurz vor seinem Tod in einem Interview auf die Frage, was er in seinem Amt bewegt habe, geantwortet:
"Ich habe immer herausgestellt, dass ich deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens bin. Ich wollte diese Ausgrenzerei, hier Deutsche, dort Juden, weghaben. Ich habe gedacht, vielleicht schaffst du es, dass die Menschen anders übereinander denken, anders miteinander umgehen. Aber nein, ich habe fast nichts bewegt.“
So darf es nicht bleiben.
Ja, Antisemitismus ist auch heute noch ein Stück Realität in Deutschland. Aber diese Realität dürfen wir niemals als Normalität betrachten!
Dass jetzt wieder jüdische Leben in Deutschland prosperiert, ist den vielen Aktiven in den Gemeinden zu verdanken, die mit ihrer unermüdlichen Aufbauarbeit die Grundlage für das Wachsen geschaffen haben.
Dies ist in dem Land, von dem die Vernichtung der europäischen Juden geplant und durchgeführt wurde, keineswegs selbstverständlich und erfordert von den Menschen, die sich trotz dem Geschehenen dafür entschlossen haben, in Deutschland zu leben, ein großes Maß an Vertrauen in die heutige deutsche Gesellschaft und den deutschen Staat.
"Wo Erinnerung abreißt, werden gesellschaftliche Erfahrungen wertlos“ zitieren die Autoren de Groot und Schlusche den aus Schaumburg stammenden früheren nordrheinwestfälischen Justizminister Dr. Rolf Krumsieck.
Die Erinnerung nicht abreißen zu lassen, sollte gerade in diesem Jahr – dem 60. Geburtstagsjahr der Bundesrepublik Deutschland unser aller Bestreben sein!
Denn demokratisches Bewusstsein und tolerantes Miteinander können nicht vererbt werden, jede Generation muss sie aufs Neue erlernen und erleben. Deshalb gilt es, diese Werte, die fest in unserer Verfassung, aber nicht in jedermanns Kopf verankert sind, immer wieder neu zu vermitteln und zu leben.
Ein Blick in die Geschichte kann uns dabei helfen, sensibel für diese Notwendigkeit zu bleiben.
In diesem Sinne wünsche ich diesem hervorragenden Buch viele Leser und eine breite öffentliche Beachtung.
Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit!