06.02.2009
Buchvorstellung Schaumburger Landschaft
"Wo Erinnerung abreißt, werden gesellschaftliche Erfahrungen wertlos."
Rolf de Groot und Günter Schlusche stellen in Berlin ihr Buch über die
Geschichte jüdischen Lebens in Schaumburg vor.
Am vergangen Dienstag luden Dr. Klaus-Henning Lemme und Sigmund Graf Adelmann, Vorsitzender bzw. Geschäftsführer der Schaumburger Landschaft, zu einer außergewöhnlichen Veranstaltung in die Vertretung des Landes Niedersachsen in Berlin ein. Es kommt nicht oft vor, dass Schaumburger Regionalgeschichte Thema in der Bundeshauptstadt ist. So füllten neben einigen Schaumburger Gästen viele Interessierte aus der Berliner Politik- und Kulturszene den großen Veranstaltungssaal der niedersächsischen Landesvertretung beim Bund, um der Vorstellung des Buches "Jüdisches Leben in der Provinz" vom Obernkirchener Historiker Rolf Bernd de Groot und dem Berliner Architekt und Städteplaner Dr. Günter Schlusche beizuwohnen.
Sigmund Graf Adelmann führte gewohnt informiert durch den Abend. Er lobte die Autoren für das schwierige aber erfolgreiche Vorhaben, die bewegte Geschichte jüdischer Bürger in Schaumburg seit dem 16. Jahrhundert wissenschaftlich fundiert und gleichzeitig zugänglich zu präsentieren. Er drückte seine Hoffnung aus, dass mit der Veröffentlichung ein Werk geschaffen wurde, welches über die Grenzen Schaumburgs hinaus in der Geschichtsvermittlung zum Einsatz kommt. Hiermit stieß er in Berlin auf zahlreiche offene Ohren.
Besondere Aufmerksamkeit gebührt auch der gestalterischen Aufmachung des Buches: hier folgten die jungen Gestalterinnen Katharina Petzold und Janine Martini der Herangehensweise der Autoren: Geschichte mit Geschichten erzählen. So haben die Grafiker zahlreiche Reproduktionen von Originaldokumenten eingebaut, die dem Leser mit einer Aura von Unmittelbarkeit in den Bann ziehen.
Zur Vorstellung hatte sich neben den Autoren auch zahlreiche Prominenz eingefunden. So konnten die Veranstalter die Berlin Journalistin und Publizistin Lea Rosh, den Vorsitzenden des Landesverbandes der jüdischen Gemeinden in Niedersachsen Michael Fürst und einige Bundespolitiker begrüßen, unter ihnen auch den heimischen Bundestagsabgeordneten Sebastian Edathy.
Edathy, zu dessen bundespolitischem Arbeitsbereich als Vorsitzender des Innenausschusses die Erinnerungskultur, die Aufarbeitung der NS-Vergangenheit und die Förderung jüdischen Lebens in der Bundesrepublik gehören, rief in einem Grußwort dazu auf, die Lehren aus den dunklen Kapiteln der Geschichte Deutschlands, denen im Buch zurecht große Aufmerksamkeit zukommen, zur Grundlage für gegenwärtiges Handeln zu nutzen. Denn, so Edathy, demokratisches Bewusstsein und tolerantes Miteinander seien zwar fest in der deutschen Verfassung, aber noch immer nicht fest in jedermanns Kopf verankert.
Durchaus kritisch kommentierte auch der Autor und Historiker Rolf Bernd de Groot in seinem Redebeitrag die erst sehr spät begonnene Aufarbeitung der Gräueltaten der Nazizeit in der Schaumburger Region – ein Themenkomplex, der im Buch mit großer Unmittelbarkeit präsentiert wird.
Dass Erinnerungsarbeit jedoch nunmehr umso ernsthafter betrieben würde, verdeutlichte der anschließende Vortrag von Günter Schlusche, der die Beziehungsgeschichte der Obernkirchener Juden zur nichtjüdischen Bevölkerung bauhistorisch anhand des dortigen jüdischen Friedhofes nachzeichnete. Er lobte ausdrücklich die vor drei Jahren abgeschlossene ehrenamtlich geleistete Instandsetzung der Erinnerungsstätte, mit der ein für die Region einzigartiges Zeitzeugnis jüdischen Lebens gerettet wurde.
Dass die Behandlung von Menschen jüdischen Glaubens durchaus unterschiedlich im von Kleinstaaten geprägten Deutschland des 19. Jahrhunderts ausfiel, verdeutlichte Dr. Ulrich Baumann in seinem Vortrag. Baumann, stellvertretender Geschäftsführer der Stiftung "Denkmal für die ermordeten Juden Europas" und ausgewiesener Experte für die Geschichte jüdischen Lebens im deutschen ländlichen Raum, präsentierte zahlreiche Quellen.
Die sichtlich bewegten Zuhörer hatten im Anschluss an die Ausführungen die Gelegenheit, sich mit den Autoren und Ehrengästen bei einem Imbiss auszutauschen.
Das in der Reihe "Kulturlandschaft Schaumburg" als Band 19 erschienene Buch "Jüdisches Leben in der Provinz" wird von der Klosterkammer Hannover und der Schaumburger Kulturstiftung gefördert und ist für Euro 19,90 im Buchhandel zur erhalten.
Buchvorstellung in Berlin: Sigmund Graf Adelmann von der Schaumburger Landschaft, die Autoren Günter Schlusche und Rolf de Groot sowie der Bundestagsabgeordnete Sebastian Edathy (v. links)