23.03.2009
Meldung von AP
Nach Amoklauf wieder regulärer Schulunterricht in Winnenden
Schüler müssen nicht an Prüfungen teilnehmen - Zwölf zusätzliche Lehrer auf Dauer eingestellt
Winnenden (AP) Elf Tage nach dem Amoklauf mit 16 Toten ist die Albertville-Realschule in Winnenden am Montag zum regulären Unterricht zurückgekehrt. Das betroffene Gebäude wird aber bis auf weiteres nicht genutzt: Die 580 Schüler wurden auf umliegende Schulen verteilt. Am Mittwoch werden zudem zwölf neu eingestellte Lehrer ihre Arbeit aufnehmen, wie der Leitende Schuldirektor beim Regierungspräsidium Stuttgart, Wolfgang Schiele, der Nachrichtenagentur AP sagte.
Nach den Worten von Schul-Rektorin Astrid Hahn ist man damit ein Stück weit wieder in die Normalität zurückgekehrt. Diese sei allerdings eine ganz andere Normalität als vor dem 11. März, sagte Hahn im ZDF-»Mittagsmagazin». Die Schüler der unteren Klassen könnten schon ganz gut mit der Situation umgehen. Anders sei es in den vom Amoklauf betroffenen neunten und zehnten Klassen. Diese seien noch dabei, das Geschehen aufzuarbeiten, erklärte Hahn. Die Lehrer arbeiteten mit Ritualen. So frühstücke man gemeinsam zum Unterrichtsbeginn, und es gebe auch ein Abschiedsritual.
Schüler werden noch länger geschont
Die Schüler werden noch länger geschont. Sie bekamen die Möglichkeit, im Notfall den Klassenraum zu verlassen und sich draußen zu bewegen. Schulpsychologen sagten, nach der Traumatisierung würden Schlaf- und Essstörungen sowie Konzentrationsschwäche noch eine Weile anhalten. Laut Schiele sind auch die Lehrer der Realschule zum Teil stark belastet: «Es kann Phasen geben, in denen sie ausfallen.» Damit sich die Schüler auf neue Lehrer einstellen können, unterrichten zum Teil zwei Pädagogen gleichzeitig. Ein Lehrer fällt laut Schiele wegen starker Traumatisierung bereits aus. Die zwölf neuen Kollegen sind zum Teil vorzeitig aus dem Erziehungsurlaub zurückgekehrt. Drei von ihnen sind bereits pensioniert und werden acht Stunden in der Woche unterrichten.
Teilnahme an Prüfungen wird freigestellt
Von dem Amoklauf unmittelbar betroffen sind etwa 60 Schüler aus drei Klassen. Für die am 22. April beginnenden zentralen Prüfungen seien «ganz flexible Lösungen» getroffen worden, sagte Schiele. Diese würden für alle Schulen des Zentrums gelten. Die Schüler müssen nicht unbedingt an Prüfungen teilnehmen. Abiturienten wird ein «Nachtermin» angeboten.
Das vom Amoklauf betroffene Schulgebäude bleibt zunächst geschlossen. Die Entscheidung über die Weiternutzung solle aber nicht lange hinausgezogen werden, betonte der Schuldirektor. Ob eine Neugestaltung der Räume wie nach dem Amoklauf in Erfurt die beste Lösung wäre, «daran scheiden sich die Geister», sagte Schiele. Denn es gebe auch die Meinung, dass gerade eine Umgestaltung an die Tat erinnern könnte.
Edathy gegen Verschärfung des Waffenrechts
Die Forderung der Eltern von Opfern des Amoklaufs, das Waffenrecht zu verschärfen, wies der Vorsitzende des Bundestags-Innenausschusses, Sebastian Edathy, zurück. Der SPD-Politiker sagte im SWR, der Amokläufer habe nicht eine Gesetzeslücke genutzt, sondern vielmehr gegen geltendes Recht verstoßen. Er sprach sich dagegen aus, das Einstiegsalter für den Umgang mit Sportwaffen heraufzusetzen. Die Schützenvereine machten eine gute Arbeit, auch eine gute Jugendarbeit, sagte Edathy.