15.03.2009
Meldung von ddp
Vorerst keine Schulpflicht -
Schule bietet nach Amoklauf freiwillige Veranstaltungen an -
Ermittlungen zum Täter Tim K. gehen weiter
--Von Nadine Emmerich und Diana Wild--
Winnenden (ddp). Nach dem Amoklauf des 17-jährigen Tim K. bietet die Albertville-Realschule in Winnenden ihren Schülern ab Montag statt klassischem Unterricht freiwillige Veranstaltungen mit Lehrern und Psychologen an. Eine Schulpflicht gebe es in der Woche, in der weitere Beerdigungen stattfinden, nicht, sagte der Leitende Schuldirektor beim Regierungspräsidium Stuttgart, Wolfgang Schiele, am Sonntag. Die Veranstaltungen sollen an anderen Schulen, in Gemeinde- und Sporthallen stattfinden. In der Debatte um eine mögliche Verschärfung des Waffenrechts schlug Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) derweil unangemeldete Kontrollen bei Waffenbesitzern vor.
Mit Blick auf die anstehenden Prüfungen der zehnten Klassen an der Albertville-Realschule sagte Schiele, es sei «überhaupt kein Problem», die Prüfungstermine zu verschieben. Die Schule stehe in engem Kontakt mit dem Kultusministerium, um zu beraten, was möglich sei. Am Samstag war das erste Opfer, die 16 Jahre alte Nicole N., beigesetzt worden.
Eltern und Behörden stritten unterdessen über die angebliche psychotherapeutische Behandlung des Täters Tim K. Während die Eltern eine Therapie bestreiten, gab der Ärztliche Direktor des Klinikums am Weissenhof in Weinsberg, Matthias Michel, an, dass Tim K. zur Behandlung in der Klinik gewesen sei. Nach Angaben von Polizei und Staatsanwaltschaft war Tim K. von April bis September 2008 mehrmals in der Klinik «vorstellig» geworden. Die weiteren Aussagen der Eltern, es habe in ihrem Keller keinen Schießstand gegeben, bestätigten die Ermittler.
Laut «Spiegel» spielte der Amokschütze noch am Abend vor der Tat das Killerspiel «Far Cry 2» daheim am Computer. Zudem setzte er sich im Internet offenbar schon vor Monaten mit Massakern an Schulen auseinander. In einem Diskussionsforum zu den Schulmassakern von Erfurt und Emsdetten soll Tim K. am 23. August 2008 unter dem Namen «JawsPredator1» zum Thema Amokläufer geschrieben haben: «Das Witzige ist ja, selbst wenn diejenigen es ankündigen, glaubt es ihnen niemand.»
Bundeskanzlerin Merkel forderte, es müsse alles getan werden, um zu verhindern, dass Kinder an Waffen kämen. Künftig müsse stärker auf die Aufbewahrung von Waffen und Munition geachtet werden. Auch der Parlamentarische Geschäftsführer der Grünen-Bundestagsfraktion, Volker Beck, sagte, der Zugang zu Waffen und Munition müsse erschwert werden.
Während der innenpolitische Sprecher der Unions-Fraktion, Wolfgang Bosbach (CDU), Merkels Vorstoß nach spontanen Kontrollen unterstützte, lehnte der SPD-Innenexperte Sebastian Edathy dies ab. Ein solches Vorgehen sei rechtlich nicht zulässig, sagte er. Man könne nicht ohne konkreten Verdacht Wohnungen durchsuchen. Angesichts der Vielzahl von Waffenbesitzern wären ohnehin nur Stichproben möglich. Bayerns Ministerpräsident Horst Seehofer (CSU) brachte ein Verbot sogenannter Killerspiele zur Sprache. Er wolle am Dienstag im Kabinett über ein solches Verbot beraten.
(Weitere Quellen: Schiele vor Journalisten in Winnenden; Polizei und Staatsanwaltschaft auf ddp-Anfrage und in einer Mitteilung; Seehofer in der «Bild am Sonntag»; Merkel im Deutschlandfunk; Beck in einer Mitteilung; Bosbach und Edathy in der «Berliner Zeitung» (Montagausgabe))