23.05.2009
BZ vom, 23. Mai 2009
West-Berlin bleibt Teil der Bundesrepublik -
Happy Birthday, Bundesrepublik 60- Autoren beschreiben für die BZ
60 Jahre Deutschland
Heute hat unsere Bundesrepublik Geburtstag. Vor 60 Jahren unterzeichnete der Parlamentarische Rat in Bonn nach der Ratifizierung durch alle westlichen Bundesländer (außer Bayern) das Grundgesetz. Es trat am gleichen Tag in Kraft die Geburtsstunde der Bundesrepublik Deutschland. Das Grundgesetz manifestiert nach den schlechten Erfahrungen der Weimarer Reichsverfassung mit der Machtergreifung Hitlers und der mörderischen Nazi-Diktatur in den Artikeln 1 bis 19 die Grundrechte. Sie sind keine bloßen Staatsziele, sondern unmittelbar geltendes Recht für die der Menschenwürde verpflichteten Staatsgewalten (Art. 1 "Die Würde des Menschen ist unantastbar.
Sie zu achten und zu schützen ist Verpflichtung aller staatlichen Gewalt"). Sie dürfen in ihrem Wesensgehalt nicht angetastet werden (Ewigkeitsklausel). In dem Abschnitt "Der Bund und die Länder" werden die Staatsprinzipien benannt: Demokratie, Republik, Sozialstaat, Bundesstaat, Gewaltenteilung (Rechtsstaat). Der Präsident des Parlamentarischen Rates und erste Bundeskanzler Konrad Adenauer (1876-1967) setzte gegen sowjetischen Druck und Vorhaltungen aus der späteren DDR (gegründet am 7. Oktober 1949) die Westbindung der Bundesrepublik durch. Am 3. Oktober 1990 traten dann auch die ostdeutschen Bundesländer dem Grundgesetz bei, das Ziel der Einheit in Freiheit war verwirklicht. Altkanzler Helmut Schmidt bezeichnete das Gesetz dieser Tage als "beste Verfassung, die Deutschland je hatte". In der B.Z würdigen 60 Autoren, natürlich Bundesbürger, mit Porträts ihres jeweiligen Geburtsjahrs den Geburtstag der Bundesrepublik.
Von Claudia Roth, Grünen-Chefin
Die Welthits von Caterina Valente pfiff damals jedes Kind. Und der Rock ′n′ Roll hatte seinen Durchbruch. Bill Haleys "Rock around the clock" und ein junger, schon heftig hüftwackelnder Elvis waren zukunftsweisend für eine Popkultur, die Menschen heute weltweit verbindet. Politisch war das Jahr ein Scheideweg, gekennzeichnet durch die Wiederbewaffnung Deutschlands und die Gründung eines Atomministeriums, das uns in die Sackgasse Atomwirtschaft manövrierte. Es gab aber auch schon viel demokratischen Widerspruch und Engagement für Bürgerund Menschenrechte. Die schwarze Näherin Rosa Parks in Montgomery/ USA machte die Rassentrennung in den öffentlichen Bussen ihrer Heimatstadt nicht mit und wurde damit zu einem Beispiel für Bürgerrechtskämpfer auf der ganzen Welt.
Von Ronald Pofalla, CDU-Generalsekretär
Nach zehn Jahren Wirtschaftswunder hatte auch die SPD endlich begriffen, dass die Soziale Marktwirtschaft ein Erfolgsmodell ist auf dem Godesberger Parteitag. Ich würde mir wünschen, die SPD würde sich wieder öfter daran erinnern. Die Bundesregierung lehnte es ab, eine Freie Stadt West-Berlin zu bilden, im gleichen Atemzug die DDR anzuerkennen und mit ihr eine Konföderation einzugehen. Die strikte Ablehnung des Sowjet-Vorschlags war ein äußerst wichtiges Signal: West- Berlin ist und bleibt ein Teil der Bundesrepublik und diese Freiheit wird keinem Kuhhandel geopfert. Außerdem: Eine erste Episode der berühmten Gallier Asterix und Obelix erschien. Die Geschichten aus dem unbeugsamen Dorf begeistern bis heute Millionen von Lesern - völlig zu Recht, wie ich finde.
Von Guido Westerwelle, FDP-Chef
Das für Deutschland wichtigste Ereignis des Jahres 1961 ist der Mauerbau, der Familien trennte und das Land für 28 Jahre teilte. Meine erste persönliche Begegnung mit der Mauer hatte ich, als ich als Jugendlicher nach meiner Konfirmation mit meinem Vater in Berlin war. Damals gab es auf der Westseite der Mauer hölzerne Podeste, ungefähr drei Meter hoch, von denen aus man über die Mauer und den Todesstreifen hinweg in die DDR hinein schauen konnte. Ich fand das damals unendlich bedrückend und absurd und denke oft daran zurück, nicht zuletzt weil ich heute aus dem Fenster meines Bundestagsbüros genau auf jene Stelle schauen kann, an der ich einst mit meinem Vater auf dem Holzpodest gestanden und über die Mauer geblickt habe. Nur jetzt von der anderen Seite aus. Sozialismus und Kommunismus haben nichts Romantisches an sich, sondern waren in allen Ländern, die es ausprobiert haben, immer mit Unfreiheit, Unterdrückung, Mangel und Leid verbunden. Das haben im Jahr 20 nach dem Mauerfall leider zu Viele nicht mehr im Blick.
Von Sebastian Edathy (SPD), Chef des Bundestags-Innenausschusses
1969 betrat der US-Amerikaner Neil Armstrong den Mond. Währenddessen eskalierte der Vietnam-Konflikt In Nordirland brach ein Bürgerkrieg aus, die Sowjetunion und China standen am Rande eines Waffengangs. In Deutschland verlor die Bundeswehr den 100. "Starfighter". Die Studentenbewegung brachte einen Schub in Sachen Demokratisierung, forderte erfolgreich den kritischen Umgang mit der deutschen Geschichte. Gustav Heinemann wurde als erster Sozialdemokrat Bundespräsident. Und am 28. September fand eine Bundestagswahl statt. Nach drei Jahren Großer Koalition wurde ein SPD-Außenminister Bundeskanzler. Sein Name: Willy Brandt. Die Beatles standen kurz vor der Trennung. "Heute so, morgen so", sang Roberto Blanco und gewann damit den deutschen Schlager-Wettbewerb. Jugendliche über 18 werden mündige Bürger
Von Miriam Gruß, Generalsekretärin der FDP Bayern
Erst in meinem Geburtsjahr 1975 wurden am 1. Januar 2,5 Millionen Jugendliche zwischen 18 und 21 zu mündigen Bürgern. Als ich 1993 volljährig wurde, hatten sich alle denken bezüglich der Herabsetzung des Volljährigkeitsalters in Luft aufgelöst: Fehlende Reife in Bezug auf geschäftliche Dinge hatten die Gegner 18 Jahre zuvor ins Feld geführt, es war gar von revolutionären Veränderungen in der familiären Ordnungsstruktur die Rede. Diese Ängste trieben mich an meinem 18. Geburtstag nicht um - ich genoss vielmehr dieses neue Gefühl der Freiheit, komplett für mich selbst verantwortlich zu sein. Im Vorfeld der Gesetzesänderung 1975 war auch das Wahlalter herabgesenkt worden. Für mich als politikbegeisterte junge Frau bedeutete das, dass ich meine Stimme bereits das erste Mal bei der Bundestagswahl 1994 abgeben durfte.
Von Dorothee Bär, CSU-Vize-Generalsekretärin Mein Geburtsjahr war das
"Drei-Päpste-Jahr". Nach Paul VI. und Johannes Paul I. wählten die Kardinale im Oktober 1978 zum ersten Mal einen Polen zum Papst: Johannes Paul 11. Seine Botschaft war eindeutig: "Habt keine Angst! Reißt die Tore weit auf für Christus!Öffnet die Grenzen der Staaten, die wirtschaftlichen und politischen Systeme!" Die kommunistischen Diktatoren ließ er damit erzitterten. Der Papst wollte die Menschen hinter dem eisernen Vorhang ermutigen. Kurze Zeit nach seiner Wahl besuchte er Polen. Millionen Menschen kamen zu ihm und boten ihren Machthabern die Stirn. Papst Johannes Paul II. setzte jenen Prozess in Gang, der zehn Jahre später mit dem Fall der Berliner Mauer endete. An meinem Geburtstag, dem 19. April 2005, schloss sich dieser Kreis. Joseph Ratzinger wurde zum Papst gewählt.