18.05.2009
Sächsische Zeitung vom 18. Mai 2009
Hitchcock im Regierungsviertel- Warum Krähen plötzlich Fußgänger angreifen und die Physikerin Angela Merkel Probleme mit Gebrauchsanweisungen hat.
Von Karin Schlottmann
Das Leben im Berliner Regierungsviertel ist voller Gefahren. Zwei Krähen haben hier vor einigen Tagen einen Mann angegriffen, der arglos durch die Reinhardtstraße spaziert war. Sie versetzten ihm Schnabelhiebe auf den Kopf. Nur durch den beherzten Einsatz seines Rucksacks konnte der 40-Jährige Schlimmeres verhindern. Die Tiere waren offenbar in Sorge um ihre Jungen. Die Polizei eilte herbei und stellte Warnschilder auf: Achtung Krähennest. Angela Merkel hat den Verbraucherschutz entdeckt. Beim Verbrauchertag in Berlin kritisierte sie schlechte Finanzberatung, mangelnde Kennzeichnung von Waren und die vielen englischen Begriffe im Internet, in Einkaufszentren, ja selbst im Bahnhof. Service Point, Surf&Rail, Call a Bike und so weiter.Bahnkunden kennen das. Die Kanzlerin - die große Wählergruppe der Senioren stets im Blick - kapiert deshalb auch nicht immer alles, was ihr der Alltag abverlangt, versicherte sie treuherzig. Zum Beispiel Gebrauchsanleitungen für technische Geräte. Sie seien "schwierigst" zu verstehen, so die 54-Jährige. "Das mag wohl auch mit dem zunehmenden Alter zusammenhängen." Womit nicht gesagt ist, dass Ältere dümmer sind als Jüngere. Darüber weiß Familienministerin Ursula von der Leyen gut Bescheid. Schließlich muss sie die Arbeitgeber immer noch davon überzeugen, Mitarbeiter der Altersgruppe 50 plus nicht automatisch auf die Straße zu setzen, weil sie angeblich nicht mehr so gut drauf sind. Schließlich warten bald nicht mehr so viele Auszubildende auf ihre Chance wie bisher. "Die Jüngeren rennen zwar schneller, aber die Älteren kennen die Abkürzung", gibt von der Leyen zu bedenken. Menschen mit dunkler Hautfarbe bringen auf Festen die Getränke. Oder etwa nicht? Wie tief so manches Vorurteil sitzt, hat der SPD-Bundestagsabgeordnete Sebastian Edathy erfahren. Er ist gebürtiger Niedersachse, Vater Inder, Mutter Deutsche. Die Parlamentarische Gesellschaft in Berlin ist ein exklusiver Verein hauptsächlich für Abgeordnete. Zugang nur für Mitglieder. An einem Sommerfest nahm Edathy mit sieben bis acht Kollegen teil. Er erklärte sich bereit, die Getränke für seinen Tisch zu organisieren, besorgte die Biere und versuchte, das Tablett mit den vollen Gläsern unversehrt zu seinem Platz zu balancieren. Die übrigen Gäste sahen ihn und hielten Edathy prompt für den Kellner. Wie selbstverständlich verschwand ein Glas nach dem anderem vom Tablett. Einerseits habe ihn die Reaktion amüsiert, andererseits sei er wenig erfreut gewesen, sagt der Vorsitzende des Bundestags-Innenausschusses. Es passe eben für viele in ihr Bild von Menschen mit dunkler Hautfarbe. Etwas anderes als eine dienende Funktion traue man ihnen nicht zu.