13.03.2009
Neue Zürcher Zeitung vom 13. März 2009
Besonnene deutsche Politik nach der Amok-Tat Weder blinder Aktivismus noch Streit unter den Parteien Deutschland hat im Ganzen sehr besonnen auf den Amoklauf von Winnenden reagiert.
Es gibt Rufe nach raschen Massnahmen und einige bedenkenswerte Vorschläge, doch von Aktivismus ist wenig zu spüren. Eine Verschärfung des Waffenrechts ist nicht vorgesehen.
Mit Trauer und Entsetzen, aber dennoch bemerkenswert ruhig haben am Donnerstag Öffentlichkeit und Politiker in Deutschland auf das Massaker von Winnenden reagiert. Hektische Rufe nach Sofortmassnahmen, mit denen solche Tragödien zu verhindern seien, waren ebenso selten zu hören wie Parteiengezänk oder übereilige Schuldzuweisungen. Natürlich kam es zu den üblichen erregten Debatten über Waffenrecht, Computer-Gewaltspiele oder die Möglichkeiten psychologischer Früherkennung. Gleichzeitig weiss man, dass dies nun bereits der dritte grosse Amoklauf in Deutschland innert weniger Jahre ist und dass das Land damit nach den Vereinigten Staaten die meisten derartigen Fälle zu verzeichnen hat. Diese Erkenntnis scheint allzu wohlfeile Rechthaberei fürs Erste in den Hintergrund zu drängen.
Man denkt an die Tragödien von Erfurt (2002) und Emsdetten (2006) zurück, nach denen ebenfalls intensiv diskutiert wurde und die zahlreiche Gesetzesanpassungen nach sich zogen, ohne dass damit die Tragödie von Winnenden verhindert worden wäre. "Schulen sind keine Festungen" Das Waffenrecht war bereits nach dem Blutbad von Erfurt, bei dem 17 Menschen umkamen, verschärft worden. Unter anderem wurde das Mindestalter für den Waffenkauf von 18 auf 21 Jahre heraufgesetzt. Alle, die unter 25 sind und Waffen erstehen wollen, müssen zudem einen psychologischen Eignungstest ablegen. Deutschland hat damit europaweit eines der strengsten Waffengesetze, und weder die Sozialdemokraten noch die Unionsparteien sehen einen Grund, es weiter zu verschärfen. Man sei "auf der Höhe der Zeit", sagte der Vorsitzende des Bundestags-Innenausschusses, der Sozialdemokrat Sebastian Edathy.
Von Metalldetektoren und Türwächtern in Schulen halten die wenigsten Politiker etwas. Edathy sagte, er könne sich Detektoren in Schulen vorstellen, an denen Waffen festgestellt werden können, nicht aber als flächendeckende Massnahme. Der baden-württembergische Kultusminister Helmut Rau hingegen warnte davor, die Schulen zu Festungen auszubauen. Etliche Persönlichkeiten, unter ihnen der bayrische Innenminister Hermann und der Präsident der Stiftung für Verbrechensbekämpfung, Schwind, forderten ein totales Verbot der sogenannten Killerspiele. Ihnen wurde entgegengehalten, dass die Alterskontrollen beim Erwerb, die seit dem Erfurter Amoklauf gelten, wirkungslos geblieben sind und dass sich Gewaltspiele problemlos über das Internet beschaffen lassen. Ein ursächliches Junktim zwischen Gewaltanwendung und Videospielen ist zudem ganz einfach nicht haltbar. Millionen von Jugendlichen spielen, ohne gewalttätig zu werden.
Ratlos vor dem Unfassbaren
Insgesamt verfestigt sich der Eindruck, Bevölkerung und Politiker akzeptierten, dass sich letztlich auch mit den ausgeklügeltsten Massnahmen Massaker wie das von Winnenden nicht verhindern lassen. Nicht selten wurde an die Worte von Bundespräsident Rau erinnert, der 2002 an der Trauerfeier nach dem Massaker von Erfurt erklärt hatte: "Wir sind ratlos, und wir sollten unsere Ratlosigkeit nicht zu überspielen versuchen mit scheinbar naheliegenden Erklärungen. Wir sollten uns eingestehen: Wir verstehen diese Tat nicht. Wir werden sie letztlich auch nie völlig erklären können."