28.04.2009
Meldung von KNA vom 28. April 2009
Bischof Huber: Beide Seiten haben polarisiert
Köln (KNA) Nach dem Scheitern des Volksentscheids «Pro Reli» hat der Berliner Bischof Wolfgang Huber Vorwürfe zurückgewiesen, das Vorgehen der evangelischen Kirche sei dafür verantwortlich. Die starke Polarisierung der vergangenen Wochen sei «keineswegs nur von den Befürwortern ausgegangen, sondern auch von den Gegnern bis hin zu dem starken Engagement auch des Senats selber», sagte der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) am Dienstag im Deutschlandfunk. Jetzt sei es an der Zeit, die Polarisierung zu überwinden und ins Gespräch zu kommen.
Huber begründete sein eigenes Engagement damit, «dass ich in diesen bildungspolitischen und pädagogischen Fragen sehr engagiert bin, weil ich das für ein ganz wichtiges Feld halte». Der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) hatte am Montag erklärt, Huber habe die Debatte stark polarisiert und damit den Kirchen insgesamt geschadet.
Trotz des Scheiterns des Volksbegehrens sieht der Bischof die Diskussionslage in Berlin verändert. «Die Rolle von Religion, von Kirche wird anders gewürdigt.» Er warnte davor, den Ausgang des Volksentscheids «als ein Gesamturteil über die persönliche wie die öffentliche Bedeutung von Religion» zu interpretieren.
Mit Blick auf die große religiöse Pluralität in Berlin wies der Ratsvorsitzende Pauschalurteile zurück. Der hohe Anteil Religionsloser lasse sich mit den Auswirkungen der SED-Kirchenpolitik auf der einen Seite und einem starken Entkirchlichungsprozess begründen, den es auch im Westteil der Stadt gegeben habe. «Aber ein gottloses Volk sind die Berliner nicht.» Nicht leugnen lasse sich allerdings, dass «es in Berlin auch starke antikirchliche Tendenzen gibt, dass viele gesagt haben, Religion hat an der Schule nichts zu suchen, in Verkennung der Ordnung, die wir in Deutschland an dieser Stelle haben».
Huber rief beide Seiten zu Gesprächen auf. Diskutiert werden müsse, wie Schüler trotz des immer dichteren Stundenplans eine Chance auf freiwilligen Religionsunterricht erhalten könnten. Außerdem sehe das Schulgesetz vor, dass es Kooperation zwischen Ethik- und Religionsunterricht geben solle.
Auch der EKD-Bevollmächtigte, Prälat Bernhard Felmberg, verteidigte das Vorgehen der Kirchen beim Volksentscheid. Es wäre geradezu fahrlässig gewesen, in Gottesdiensten und Predigten nicht für eine Aufwertung des Religionsunterrichts zu werben, sagte er der «Frankfurter Allgemeinen Zeitung» (Dienstag).
Felmberg kritisierte die Berliner SPD. «Man hat fast den Eindruck, das Godesberger Programm sei in Teilen der Berliner SPD noch nicht angekommen», sagte er. Sowohl Außenminister Frank-Walter Steinmeier als auch Bundestagsvizepräsident Wolfgang Thierse (beide SPD) hätten sich für die Aufwertung des Religionsunterrichts ausgesprochen. «Aber die Politik, die die Berliner SPD gemeinsam mit der Linkspartei betreibt, ist in Deutschland einzigartig», sagte er. Im Godenberger Programm von 1959 hatte die SPD ihren kirchenkritischen Kurs aufgegeben.
Der Vorsitzende des Bundestags-Innenausschusses, Sebastian Edathy (SPD), betonte unterdessen, er halte das Berliner Modell eines Ethikunterrichts für alle Schüler für bundesweit nachahmenswert. «Ich finde es vernünftig, dass man einen konfessionsübergreifenden Ethikunterricht anbietet», sagte er dem «Kölner Stadt-Anzeiger». «Das würde die Problematik entschärfen, dass wir nach wie vor Schwierigkeiten haben, islamischen Religionsunterricht an Schulen zu organisieren. Außerdem könnte man in diesem Rahmen vermitteln, was die Angehörigen verschiedener Religionsgemeinschaften und die Atheisten verbindet.» Nach Einschätzung des SPD-Politikers wird sich die religiöse Situation in der Bundesrepublik in den kommenden Jahren ähnlich wie in Berlin entwickeln. Auf kurz oder lang könne man sich deshalb auch bundesweit am Berliner Modell des Ethikunterrichts orientieren.