12.03.2009
Meldung von Reuters vom 12. März 2009
FOKUS 2-Forderung nach politischen Konsequenzen aus Amoklauf
Berlin, 12. Mär (Reuters) - Nach dem Amoklauf in Winnenden mit 16 Toten mehren sich die Rufe nach politischen Konsequenzen, um ähnliche Taten zu verhindern. Im Mittelpunkt der Debatte standen Zugangskontrollen an Schulen und ein Verbot von Killerspielen. Überwiegend skeptisch reagierten Innenpolitiker auf Forderungen nach einer weiteren Verschärfung der Waffengesetze. Ressortminister Wolfgang Schäuble sagte, in Deutschland gebe es bereits "ein sehr strenges Waffenrecht". Der Vorsitzende des Bundestags-Innenausschusses, Sebastian Edathy, forderte den Einsatz von Metalldetektoren an Schulen, in denen sich bekanntermaßen Waffen im Umlauf befänden. Die flächendeckende Einrichtung solcher Detektoren sei aber nicht möglich, sagte der SPD-Politiker der Zeitung "Die Welt". Der bayerische Innenminister Joachim Herrmann (CSU) sprach sich dafür aus, Gewalt-Computerspiele vom Markt zu nehmen. Es kursierten Killerspiele, die völlig unerträglich seien und bei jungen Menschen offenkundig die Hemmschwelle herabsetzten, sagte er im Bayerischen Rundfunk. Schäuble forderte, der Zugang zu Gewaltdarstellungen in den Medien müsse beschränkt werden. Der Vorsitzende der Gewerkschaft der Polizei (GdP), Konrad Freiberg, und Unions-Fraktionsvize Wolfgang Bosbach sprachen sich für Kontrollen an den Schultoren aus. "Die Stichworte sind da Personenkontrollen, also Zugangskontrollen, auch Taschenkontrollen", sagte Bosbach zu Reuters TV. Freiberg führte im NDR als Vorbild große Betriebe an, in die zum Einlass eine Chipkarte oder ein Ausweis erforderlich seien. Die GdP hält zudem ein zentrales Waffenregister für notwendig.
LEHRERVERBÄNDE: MEHR PSYCHOLOGEN STATT DETEKTOREN
Der Deutsche Philologenverband warnte hingegen, weder Videoanlagen und Sicherheitsschleusen noch Eingangskontrollen und Detektoren könnten für mehr Sicherheit an Schulen sorgen. Es gebe keine Patentrezepte, sagte der Vorsitzende Heinz-Peter Meidinger. Auch Schäuble vertrat die Ansicht, eine Schleuse hätte nicht verhindern können, "dass da irgendeiner mit der Waffe reinstürzt". Die Lehrergewerkschaften verlangten den verstärkten Einsatz von Schulpsychologen. Die Ausstattung der deutschen Schulen sei hier im internationalen Vergleich katastrophal, sagte der GEW-Vorsitzende Ulrich Thörne der "Thüringer Allgemeinen". Auch Bosbach plädierte für mehr schulpsychologische Betreuung und Gewaltprävention. Überwiegend skeptisch äußerten sich Politiker und Experten zu Änderungen am Waffenrecht, das nach dem Amoklauf von Erfurt vor sieben Jahren verschärft worden war. "Ich kann überhaupt nicht erkennen, welche wie immer geartete Änderung am Waffenrecht an dem Geschehen etwas geändert hätte", sagte Schäuble. Sein bayerisch r Kollege Herrmann sagte, das geltende Recht müsse im engsten Familienkreis konsequent umgesetzt werden. Im Fall Winnenden hätte der 17-jährige Tim Kretschmer keinen Zugang zu den Waffen des Vaters haben dürfen. Auch Bosbach merkte an: "Im Nachttischschränkchen hat keine Schusswaffe etwas zu suchen." Der Präsident der Deutschen Stiftung für Verbrechensbekämpfung, Hans-Dieter Schwind, bezeichnete Änderungen an den Waffengesetzen hingegen als sinnvoll. Schätzungen zufolge seien in Deutschland zehn Millionen legale und rund 20 Millionen illegale Waffen im Umlauf. Zudem müssten Computer-Gewaltspiele komplett verboten werden. Dass der Täter von Winnenden auf der Flucht weiter um sich geschossen habe, sei ein Verhalten, das Jugendliche in Spielen wie "CounterStrike" lernen könnten, sagte er der "Neuen Osnabrücker Zeitung". Nach Angaben des Waiblinger Polizeichefs Ralf Michelfelder waren auf dem Computer des Täters "CounterStrike" und andere Spiele installiert, "die in das Raster eines Amokläufers passen". Kriminologen mahnten aus Sorge vor Nachahmungstätern derweil zu erhöhter Vorsicht. In Freiburg musste eine Schule nach einer Bombendrohung geräumt werden. Gefunden wurde dort aber nichts.