12.03.2009
Meldung von epd vom 12. März 2009
Ruf nach Konsequenzen - Erste politische Forderungen nach Amoklauf von Winnenden - Notfallseelsorger im Einsatz - (Morgenzusammenfassung)
Winnenden (epd). Nach dem Amoklauf mit 16 Toten im baden-württembergischen Winnenden mischen sich in die deutschlandweite Trauer erste Rufe nach Konsequenzen. So hält der Vorsitzende des Bundestags-Innenausschusses, Sebastian Edathy (SPD), den Einsatz von Metalldetektoren an Schulen in Einzelfällen für vorstellbar. Der bayerische Innenminister Joachim Herrmann (CSU) sprach sich für ein Verbot von Computer-Gewaltspielen aus, CSU-Generalsekretär Alexander Dobrindt forderte eine «Allianz gegen Gewalt und Verrohung».
Am Mittwoch hatte ein 17-jähriger bei einem Amoklauf in seiner ehemaligen Schule in Winnenden bei Stuttgart mit einer Pistole seines Vaters neun Schüler und drei Lehrer getötet. Auf der Flucht vor der Polizei tötete er drei weitere Menschen, bevor er sich offenbar selbst erschoss. Das Motiv des Jugendlichen blieb zunächst unklar.
Bei einem ökumenischen Gottesdienst am Abend sagte der württembergische evangelische Landesbischof Frank Otfried July: «Jeder Tote, jeder Verletzte ist ein Fragezeichen, auch der Täter.» Der Weihbischof der Diözese Rottenburg-Stuttgart, Thomas Maria Renz, sprach von Fassungslosigkeit, Ratlosigkeit und Ohmacht. Am Ende des Gottesdienstes entzündeten die Teilnehmer vor dem Altar Kerzen zum Gedenken an die Opfer. Auch am Tatort, der Albertville-Realschule, versammelten sich Trauernde, stellten Kerzen auf und legten Blumen nieder.
In den nächsten Tagen wird an der Schule kein Unterricht stattfinden. Notfallseelsorger und Psychologen betreuen Angehörige der Opfer, Schüler und Lehrer. Nach Erfahrung des Notfallseelsorgers Ralf Radix ist eine langfristige Betreuung notwendig. Jeder Betroffene brauche etwas anderes. «Der eine braucht Ruhe, die man ihm dann auch verschaffen muss in der ganzen Hektik, die anderen brauchen auch einen Partner, mit dem sie reden können», sagte Radix dem epd.
Als Konsequenz aus der Tat forderte der Kriminologe Hans-Dieter Schwind eine weitere Verschärfung des Waffenrechts. Kaum jemand wisse, dass in Deutschland zehn Millionen legale Waffen und geschätzte rund 20 Millionen illegale Waffen im Umlauf seien. Der SPD-Innenpolitiker Edathy wies die Forderung zurück. «Wir sind auf der Höhe der Zeit», sagte er der in Berlin erscheinenden Tageszeitung «Die Welt» (Donnerstagsausgabe). Die Bundesregierung hatte das Waffenrecht 2003 nach dem Amoklauf eines Schülers in Erfurt und im vergangenen Jahr verschärft. Zuletzt war das Tragen von Waffenimitaten und gefährlichen Messern in der Öffentlichkeit verboten worden. Für vorstellbar hält Edathy den Einsatz von Metalldetektoren in Schulen, falls bereits festgestellt wurde, dass Waffen im Umlauf sind.
Der bayerische Innenminister Herrmann sprach sich für ein Verbot von Computer-Gewaltspielen aus. Noch sei nicht klar, ob solche Spiele bei dem 17-jährigen Täter eine Rolle gespielt haben, sagte er am Donnerstag im Bayerischen Rundfunk. Es seien aber Killerspiele auf dem Markt, die «völlig unerträglich» seien und gerade bei jungen Menschen Hemmschwellen herabsetzten. Herrmann wandte sich zugleich gegen Forderungen nach Metalldetektoren und bewaffnete Sicherheitsposten an Schulen.
CSU-Generalsekretär Dobrindt forderte eine Allianz gegen Gewalt, an der sich alle relevanten gesellschaftlichen Kräfte beteiligen. «Wir müssen endlich auf breiter Front gegen die Tendenzen der Verrohung antreten», sagte er der «Passauer Neuen Presse» (Donnerstagsausgabe). Es müsse vor allem auch darüber nachgedacht werden, wie Gewalt dargestellt wird. «Hier muss die Gesellschaft deutlicher reagieren und darf keine falsche Toleranz zeigen», sagte Dobrindt.
Für Amokläufe wie in Winnenden gibt es nach Einschätzung des Psychiaters Jörg Fegert Frühwarnzeichen. «Ein Alarmsignal ist, wenn Jugendliche sich stark von ihrer Umwelt abkapseln und tagtäglich stundenlang vorm Computer hocken», sagte der Ärztliche Direkter der Uni-Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie in Ulm der «Berliner Zeitung» (Donnerstagsausgabe). Amokläufer kündigten ihre Tat häufig in Tagebüchern im Internet an, in Chatrooms, von denen Erwachsene oft nichts wüssten. Die Eltern reagierten darauf oft gar nicht oder zu spät.