27.07.2011
Artikel "Berliner Kurier" vom 27.07.2011
Das Netzwerk der Brandstifter. Oslo - Der Killer Breivik orientierte sich auch an Rechtspopulisten. Eine Spurensuche...
Von Anne-Kattrin Palmer
Oslo - Er widmete sich neun Jahre seiner wirren Ideologie, schrieb ein anti-islamisches Hass-Pamphlet und nannte Rechtspopulisten als Vorbild oder war Mitglied bei ihnen. Jetzt ist Anders Behring Breivik zum Massenmörder geworden und Europas Rechtspopulisten stempeln ihn als irren Einzeltäter ab. Dabei bediente er sich deren Ideologie und des Netzwerks der Brandstifter in Europa - eine Spurensuche.
Eins hatten sie in den vergangenen Tagen alle gemeinsam, die zunehmende Schar der Rechtspopulisten Europas. Ob der Niederländer Geert Wilders, die französische "Madame Wut", Marine Le Pen, oder Timo Soini von den "Wahren Finnen". Sie wiesen empört zurück, mit Breivik in Verbindung gebracht zu werden, und verurteilten seine Morde scharf.
"Es macht mich sehr traurig, dass er früher einmal Mitglied war", beteuerte die Vorsitzende der norwegischen Fortschrittspartei, Siv Jensen. Sie sei entsetzt über das Massaker. "Er war nie sehr aktiv und es fallt uns schwer, jemanden zu finden, der viel über ihn weiß". Dabei liegt Breiviks Weltanschauung nicht weit entfernt, sagen Experten. Seit Jahren heizen Rechtspopulisten in schicken Nadelstreifen und modischen Krawatten wie Geert Wilders die Anti-Islam-Stimmung an, verlangen eine Kopftuchsteuer und wollen den Koran verbieten. Eine Hetze, die bei Breivik Anklang fand.
CDU-Innenexperte Wolfgang Bosbach zum KURIER: "Ich glaube, dass man jetzt noch verstärkt auf rechtspopulistische Parteien - auch bei uns - schauen muss und darauf, was diese verursachen." Zwar würden diese Rechtspopulisten in der Tat nur reden und sich nicht die Hände schmutzig machen, aber es gebe immer wieder gewalttätige Vollstrecker, die damit zeigen wollten, dass sie wenigstens handeln. Kommunikationsform Nummer eins ist das Internet, 6000 rechtsextreme Beiträge gab es 2010, 1700 Webseiten, die rechtsextremes Gedankengut verbreiteten. Der SPD-Innenexperte Sebastian Edathy zur KURIER: "Die Entwicklung ist in der Tat sehr besorgniserregend." Und er sagt auch, dass die deutschen Behörden "die einschlägigen Blogs" mehr unter Beobachtung stellen müssen. Doch zurzeit käme rechte Hetze im Netz noch nicht mal im Verfassungsschutzbericht vor.
Das Internet war auch Breiviks Bühne. Kurz vor seinem Massaker mailte er noch seine "Brüder" an. Auch in Deutschland bekamen einige Breiviks bizarres 1516-Seiten-ManifeSt - so die NPD in Berlin und Unna und der "Nationale Widerstand in Deutschland". Der evangelische Pfarrer Friedrich Stiller vom Dortmunder Arbeitskreis gegen Rechtsextremismus: "Und jetzt haben wir viele Fragen."